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DAS ONLINE-MAGAZIN DER HOCHSCHULE FÜR GESUNDHEIT IN BOCHUM

Das Potential der Bewegungsförderung

Alina Rieckmann untersucht an der hsg Bochum das Bewegungsverhalten von Frauen über 60 Jahren – damit sammelt sie Erkenntnisse über eine Bevölkerungsgruppe, die bislang wenig Beachtung in der Wissenschaft findet und schließt so eine Forschungslücke.

„Im Fokus meiner Forschung stehen Frauen, die bereits am Herzen erkrankt sind oder ein Risiko für eine solche kardiale Erkrankung haben“, erklärt Rieckmann. Sie ist eine von drei Promovierenden an der Hochschule für Gesundheit, deren Forschung aus zentralen Mitteln finanziert werden. Die 28-Jährige hatte zunächst Physiotherapie an der hsg Bochum studiert und dann im Anschluss einen Master in Sport und Bewegungsgerontologie an der Deutschen Sporthochschule Köln abgeschlossen.

„Direkt im Anschluss an mein Studium an der hsg, konnte ich im Rahmen einer Projektstelle als wissenschaftliche Hilfskraft und später als Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Studienbereich Physiotherapie des Departments für Angewandte Gesundheitswissenschaften Erfahrungen sammeln“, erzählt Rieckmann. Dabei war sie in einem Projekt von Prof. Dr. Christian Grüneberg (Professor im Studienbereich Physiotherapie an der hsg Bochum) für  an der Entwicklung und Evaluierung einer digitalen Anwendung beteiligt, die Physiotherapeut*innen im Behandlungs- und Beratungsprozess unterstützen und die Kommunikation mit den Patient*innen und anderen Professionen fördern soll. „Durch die gute Unterstützung von Prof. Grüneberg konnte ich direkt nach meinem Bachelorabschluss wichtige Erfahrungen in der Projekt- und Publikationsarbeit machen, von denen ich jetzt profitiere.“ Währenddessen war sie außerdem als Physiotherapeutin in einer ambulanten Praxis in Duisburg tätig, was – so Rieckmann – logistisch herausfordernd gewesen sei, sich aber inhaltlich mit ihren Projekttätigkeiten ideal ergänzt habe.

Bewegungsverhalten von Frauen über 60 Jahren mit kardialem Risiko

Nach dem Masterabschluss bewarb sich Rieckmann auf die Ausschreibung der hsg Bochum und startete im April 2019 mit der Vorbereitung ihres Promotionsvorhabens. Die aus zentralen Mitteln geförderte Promotionsstelle biete in der Verknüpfung mit dem Graduierteninstitut NRW und auch sonst außergewöhnlich günstige Rahmenbedingungen, betont Rieckmann. Betreut wird sie von Prof. Dr. Christian Thiel, der an der Fakultät für Sportwissenschaften der Ruhr-Universität Bochum co-affiliiert ist (Anmerkung der Redaktion: Christian Thiel ist Professor im Studienbereich Physiotherapie an der hsg Bochum und gehört der Fakultät für Sportwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum an).

Ziel des Forschungsprojektes ist es, das Bewegungsverhalten von Frauen über 60 Jahren mit kardialem Risiko oder einer Herzerkrankung zu untersuchen und auf Grundlage der Ergebnisse, eine geeignete Intervention zur Bewegungsförderung zu entwickeln. Dafür müssen allerdings in einem ersten Schritt erst einmal die geeigneten Geräte zur Erfassung körperlicher Aktivität für die Zielgruppe validiert werden. „Das bedeutet, dass wir verschiedene Aktivitätstracker – ein Beschleunigungsmesser, ein Schrittzähler und eine handelsübliche Fitnessuhr – untersuchen, um herauszufinden, mit welchem Gerät der aktivitätsinduzierte Energieumsatz möglichst genau an den Wert herankommt, den wir mit dem Goldstandard* gemessen haben“, erklärt Rieckmann. (*Anmerkung der Redaktion: Der Goldstandard bezeichnet immer das Verfahren, das aktuell wissenschaftlich am höchsten anerkannt ist).

Welcher Aktivitätstracker kommt an den Goldstandard heran?
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Das rote Gerät ist ein dreidimensionaler Akzelerometer (ActiGraph), das schwarze Gerät mit dem Kabel ist ein kombiniertes Gerät zur Erfassung der Herzfrequenz und Beschleunigung (Actiheart) und das blaue Gerät ist ein einfacher, handelsüblicher Schrittzähler. Foto: hsg Bochum/Alin Rieckmann

Dazu lädt Rieckmann die Teilnehmerinnen an die Hochschule ein und lässt sie mit den verschiedenen Geräten ein vorgegebenes Aktivitätsprotokoll mit simulierten Alltagsaktivitäten absolvieren: Ruheaktivitäten, Gehen, Treppe steigen und auch Haushaltstätigkeiten wie Wäsche aufhängen oder Fensterputzen. „Eine der Scheiben an der hsg ist daher immer besonders sauber“, verrät sie und lacht.

Phase zwei: Aktivitätsmessung über längeren Zeitraum

Sobald die Daten über die verschiedenen Aktivitätstracker gesammelt und ausgewertet wurden, soll es dann mit dem zweiten Studienabschnitt weitergehen. Hier soll das Aktivitätsverhalten von Frauen der Zielgruppe in verschiedenen Kontexten erfasst werden. Dies können Frauen sein, die selbstständig zu Hause leben und ein kardiales Risiko aufweisen, also Frauen, die Rauchen, an Bluthochdruck leiden, Übergewicht haben oder bereits eine kardiale Erkrankung haben. Weiter soll aber auch das Bewegungsverhalten während eines stationären Aufenthalts zum Beispiel im Rahmen einer Reha erfasst werden. Dafür tragen die Frauen für einen längeren Zeitraum, zum Beispiel zehn Tage lang, den zuvor validierten Aktivitätstracker.

Alle Teilnehmerinnen sollen sich während des Erhebungszeitraums ganz normal verhalten – wer sonst auch Sport macht, tut das weiterhin und wer sich im normalen Alltag wenig bewegt, soll das Verhalten auch nicht ändern. „Es ist wichtig, dass wir die Daten über einen langen Zeitraum, also nicht nur über ein bis zwei Tage hinweg, erfassen. Am Anfang nimmt man auf Grund des Aktivitätstracker vielleicht doch eher mal die Treppe statt den Fahrstuhl, aber mit der Zeit verschwindet der Tracker aus dem Bewusstsein“, erklärt Rieckmann.

Potential der Bewegungsförderung noch nicht ausreichend genutzt

Die Daten sollen dann miteinander verglichen werden und daraus will Rieckmann schließen, in welchem der Kontexte ein Programm zur Bewegungsförderung nötig und möglich ist. Mit dieser Gruppe soll dann im letzten Schritt eine Interventionsstudie durchgeführt werden, in der auf Basis international etablierter Ansätze zur Bewegungsförderung die Machbarkeit einer größeren randomisierten, kontrollierten Studie untersucht und erprobt wird. „In Deutschland wird das Potenzial der Bewegungsförderung, insbesondere in einem partizipativen Ansatz noch nicht ausreichend genutzt“, führt Rieckmann weiter fort.

„Dass ich wissenschaftlich arbeiten möchte, wusste ich bereits während meines Bachelorstudiums an der hsg Bochum“, erzählt Rieckmann. „Die Stärkung evidenzbasierten Handelns und die Förderung des Austauschs zwischen Forschung und Praxis können unser Gesundheitssystem für Patient*innen und Therapeut*innen noch besser machen. Notwendig wäre aber auch eine Erweiterung des physiotherapeutischen Rollenverständnisses in Richtung Prävention und Gesundheitsförderung, wozu ich hoffentlich mit meinem Promotionsprojekt etwas beitragen kann“, so die Promovendin.


Text: Judith Merkelt-Jedamzik, Online-Redakteurin des hsg-magazins. Der Text erschien am 15. April 2020 im hsg-magazin.

Aufmacher: Zu sehen ist Alina Rieckmann. Foto: hsg Bochum

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