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DAS ONLINE-MAGAZIN DER HOCHSCHULE FÜR GESUNDHEIT IN BOCHUM

Gang nach Schlaganfall verbessern

Seit Mitte September 2017 läuft das Projekt RehaBoard an der Hochschule für Gesundheit (hsg Bochum). In einem interdisziplinären Team aus Wissenschaftler*innen der Neurologie, Orthopädie, Physiotherapie und Orthopädietechnik wird in dem Projekt ein Behandlungskonzept entworfen, das auf Patient*innen individuell zugeschnitten ist und durch computergestützte Verfahren objektiviert wird. Das Ziel ist es, auf Patient*innen zugeschnittene Maßnahmen empfehlen zu können, die das Gangbild nach einem Schlaganfall verbessern. Wie die hsg Bochum in das Projekt involviert ist, verrät Prof. Dr. Dörte Zietz, Professorin für Physiotherapie an der hsg, in diesem Beitrag.

Die Datengewinnung

Die Aufgabe, die Patient*innen im Rahmen des RehaBoard-Projekts erfüllen müssen, ist eine alltägliche: Sie sollen gehen. In einem bestimmten Raum, der als Ganglabor bezeichnet wird. Dieser ist ziemlich nüchtern eingerichtet: Überall hängen Kameras und in den Boden sind Kraftmessplatten eingearbeitet. Durch diese Gerätschaften werden Kräfte, Winkel oder auch Drehmomente gemessen. Aufgezeichnet werden die Daten über Marker, die an die Körper der Patient*innen ähnlich wie Pflaster geklebt werden. Rund 40 Stück befinden sich beim Gehen auf der nackten Haut. Die Oberflächen der Marker reflektieren Infrarotlicht, das von den Kameras ausgestrahlt und eingefangen wird. So entstehen verschiedene Informationen über den Gang und Graphen, die im Computer gesammelt und von Expert*innen ausgewertet werden. Im Projekt RehaBoard werden Patient*innen nach einem Schlaganfall insgesamt zweimal im Abstand von sechs Monaten beim Gehen aufgezeichnet und ihr Gangbild wird umfassend analysiert.

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Damit Daten im Ganglabor gesammelt werden können, müssen die Patient*innen mit Markern beklebt werden. Foto: hsg/Volker Wiciok

Nach einem Schlaganfall

Bei einem Schlaganfall werden Patient*innen typischerweise zunächst im Krankenhaus und dann in einer Rehaklinik therapiert, bevor sie nach Hause zurückkehren und dort Therapien, zum Beispiel von Neurolog*innen oder Physiotherapeut*innen, erhalten. Diese Zeit nach dem Rehabilitations-Aufenthalt sieht Zietz als problematisch an und erklärt: „Wenn Patient*innen aus der Rehabilitation entlassen werden, zerfällt häufig der interdisziplinäre Blick auf sie. Jede Fachkraft ergreift dann aus ihrer oder seiner Sicht sinnvolle Maßnahmen, aber häufig weiß niemand von den Erkenntnissen und Maßnahmen der anderen.“ Dass dies zu Problemen führen kann, erklärt die Wissenschaftlerin an einem Beispiel: „Wenn der Neurologe es aus seiner Fachsicht für richtig hält, einer Patientin oder einem Patienten Botox zu injizieren, dann wäre es aus physiotherapeutischer Sicht sinnvoll, zeitgleich intensive Physiotherapie zu verschreiben, um das sich öffnende Therapiefenster bestmöglich zu nutzen.“

Die Kooperation

Das Projekt RehaBoard besteht aus zwei Teilen: Auf der einen Seite gibt es Expert*innen, die Patient*innen untersuchen und das aufgezeichnete Gangbild interpretieren. Sie empfehlen eine Therapie, die zum Beispiel aus Physiotherapie, einer Hilfsmittelversorgung mit einer Fußheberschiene oder einer medikamentösen Behandlungen bestehen kann. Auf der anderen Seite gibt es einen Computer, der mit Befund- und Gangdaten gefüttert wird. Er soll lernen, eine Therapie-Empfehlung auf Grundlage von objektiven Daten zu geben.

Der Konsortialführer des Projekts, Prof. Dr.-Ing. Andrés Kecskeméthy, wurde auf die Physiotherapie-Professorin aufmerksam, als diese einen Vortrag über instrumentelle Ganganalyse bei Kindern hielt. Er fragte, ob Zietz die physiotherapeutische Seite in dem interdisziplinären Projekt übernehmen möchte, da sie fundierte Kenntnisse zur Methodik der Datenerhebung, Interpretation der Gangdaten und physiotherapeutische Erfahrung in der Behandlung von Patient*innen nach Schlaganfall mitbringt. Zietz sagte zu.


Bei RehaBoard kooperieren das Institut für Technologien der Biomechanik und Biomaterialien (als Konsortialführer), die Universität Duisburg/ Essen, die Mediclin Fachklinik Rhein/ Ruhr, die Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, das Universitätsklinikum Essen und die Hochschule für Gesundheit in Bochum. In dem Projekt forschen Wissenschaftler*innen aus der Neurologie, Orthopädie, Physiotherapie, Orthopädietechnik, Ingenieurswissenschaft und Mathematik zusammen.


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Prof. Dr. Dörte Zietz freut sich, dass mit Elena Cramer eine Bachelor-Absolventin der hsg Bochum im Projekt RehaBoard mitarbeitet. Foto: hsg

Erste Arbeiten in einem Bewegungslabor

„Physiotherapeut*innen sind Bewegungsspezialist*innen und ihr Wissen ist notwendig, um Abweichungen im Gangmuster von Patient*innen zu erkennen und erklären zu können“, sagt Zietz. Sie folgert: „Da ist es nur ein logischer Schritt, sich nicht nur auf die eigenen Augen oder ein Video zu verlassen, sondern sich auch mit der instrumentellen Ganganalyse zu beschäftigen.“ Zum ersten Mal in Kontakt gekommen mit einem Bewegungslabor ist Dörte Zietz übrigens 2006 in England: Während ihres Master-Studiums und ihrer Promotion an der University of Birmingham erlernte sie die Grundlagen der gerätegestützten Bewegungsanalyse. Während und nach ihrer Promotion arbeitete sie dann in einem Ganglabor, das am Nuffield Orthopaedic Centre in Oxford angesiedelt ist. Zu dieser Zeit beschäftigte sie sich vor allem mit dem Gangbild von Kindern mit Zerebralparese, einer Hirnschädigung, die unter anderem Lähmungen hervorruft. „Während dieser Zeit habe ich das strukturierte Arbeiten an und mit Patient*innen im Ganglabor und die Interpretation der entsprechenden Daten verinnerlicht. Diese Expertise kommt nun im Projekt RehaBoard zum Tragen“, sagt Zietz.

Akademisierung der Physiotherapie

Im Rückblick könnte man deuten, dass die hsg-Professorin ihren Lebensweg genau so geplant hat. Doch dies war nicht der Fall. Zietz rät: „Es ist wichtig, seinen Leidenschaften nachzugehen und so seinen eigenen Weg zu finden, auch wenn andere vielleicht nicht nachvollziehen können, warum es ein Bachelor- und Masterstudium und dann auch noch eine Promotion sein muss. Außerdem ist es wichtig, auch andere Kenntnisse und Fähigkeiten zu erlangen und zu erlernen als die, die im Berufsgesetz vorgegeben sind, wenn wir für unsere Patient*innen die geeignete Therapie finden und durchführen wollen.“ Daher freut sich die Wissenschaftlerin darüber, dass mit der Physiotherapeutin Elena Cramer eine Bachelor-Absolventin der hsg Bochum im Projekt als wissenschaftliche Mitarbeiterin mitwirkt, die die gerätegestützte Bewegungsanalyse bereits im Studium kennengelernt hat.

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Auch an der Hochschule für Gesundheit gibt es ein Ganglabor. Dieses wird für Forschungen sowie im Unterricht eingesetzt. Foto: hsg/Volker Wiciok

Das Ganglabor an der hsg

Das Ganglabor, in dem die Daten für RehaBoard gesammelt werden, befindet sich in der Stadt Essen. Aber auch an der hsg ist so ein Bewegungslabor vorhanden. „Es wird ebenfalls für Forschungszwecke eingesetzt, soll aber daneben dem Unterricht an der Hochschule eine weitere praktische Komponente hinzufügen. Studierende lernen, strukturiert eine Aufgabe zu bearbeiten und auch, dass Ergebnisse manchmal von Faktoren abhängig sind, die eben nicht im Probanden zu finden sind. Zum Beispiel müssen Marker genau an die vorgesehen Körperstellen geklebt werden, sonst kommt man unter Umständen zu falschen Schlussfolgerungen. Somit lernen die Studierenden, sich Publikationen genauer anzuschauen und kritisch zu hinterfragen, welche Daten wie erhoben wurden und ob die Schlussfolgerung stimmen kann. Wenn eine kleine Forschungsfrage für die Bachelorarbeit es hergibt, können Studierende auch Daten im Bewegungslabor erheben“, so Zietz. Thematisch muss es dann nicht um Schlaganfall-Patient*innen gehen, sondern es können auch überschaubare Fragestellungen aus der physiotherapeutischen Praxis oder dem sportlichen Umfeld untersucht werden.

Zusammenarbeit auf Augenhöhe

Bei der Durchführung des Projektes RehaBoard begeistert Dörte Zietz besonders die interdisziplinäre Zusammenarbeit – und zwar nicht nur zwischen den Angehörigen der Medizin und Heilberufe, sondern insbesondere auch mit den beteiligten Mathematiker*innen, Informatiker*innen und Techniker*innen. Sie sagt: „Alle in dem Projekt habe ihr Expertenwissen, das sie einbringen. Dass wirklich auf Augenhöhe miteinander gearbeitet wird, ist nicht selbstverständlich und macht das Projekt RehaBoard für mich bemerkenswert.“


RehaBoard ist eines von neun Gewinnern aus dem Leitmarktwettbewerb ‚LifeSciences.NRW 2016‘. Weitere Informationen zum Projekt sind hier nachzulesen.


Text: Dr. Anna Knaup, Online-Redakteurin des hsg-magazins

Aufmacher: hsg/Volker Wiciok

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