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Studie zur Mobilitätssteigerung

Kirsten Süßmilch hat in einer Studie im Rahmen ihrer Bachelor-Arbeit erforscht, ob ein erweitertes physiotherapeutisches Trainingsprogramm bei älteren Patient*innen die Mobilität stärkt oder eher zur Ermüdung führt. Im Jahr 2017 machte Kirsten Süßmilch ihren Abschluss an der Hochschule für Gesundheit (hsg) und arbeitet inzwischen  im Evangelischen Krankenhauses (EvK) Castrop-Rauxel,  in dem sie auch schon ihre Studie durchführte.

Worum genau ging es in der Studie, die sie erstellt haben?

Kirsten Süßmilch: Die praktische Durchführung der Studie wurde bereits im Dezember 2016 abgeschlossen. Gemeinsam mit meiner Kommilitonin Sarah Eggert erfolgte die Studie im Rahmen unserer jeweiligen Bachelor-Arbeiten. Zusammenfassend gesagt hatte sie die Überprüfung einer Mobilitätssteigerung durch zusätzliche Therapien zum Ziel. Im EvK Castrop-Rauxel wird die geriatrische frührehabilitative Komplexbehandlung (GFK) bei den älteren Patient*innen durchgeführt, um diese Patientengruppe nach einem Krankenhausaufenthalt wieder so gut es möglich ist auf ihren Alltag vorzubereiten. Leider wirken sich Krankenhausaufenthalte nämlich recht negativ auf die Mobilität älterer Patient*innen aus. Ein Grund dafür ist beispielsweise, dass sie die überwiegende Zeit des Tages liegend verbringen. In der GFK bekommen die Patient*innen dann täglich zwei Therapien, um Ausdauer, Kraft und Mobilität zu verbessern. Bei unserer Studie haben wir daher untersucht, ob wir durch eine zusätzliche physiotherapeutische Trainingseinheit am Tag einen größeren Effekt auf die oben genannten Parameter messen können.

Da es sich um eine Pilotstudie handelte, lieferte die Studie auch wertvolle Erkenntnisse über die Durchführbarkeit einer solchen Studie. Es sind zum Beispiel folgende Fragen beantwortet worden: Ist eine solche Studie im vorgegebenen Rahmen organisierbar? Wie ist die Resonanz der Patient*innen? Ist die Übungsauswahl adäquat? Diese Ergebnisse sind natürlich gerade für eine Folgestudie sehr hilfreich.

Welche verschiedenen Schritte gab es in der Studie?

Süßmilch: Zunächst einmal wurden in einem siebenwöchigen Durchführungszeitraum alle neuaufgenommenen Patient*innen der teilnehmenden Stationen des EvK Castrop-Rauxels auf prinzipielle Eignung anhand der Ein- und Ausschlusskriterien überprüft Im Anschluss wurden alle geeigneten Patienten persönlich aufgesucht und über die Studie informiert, aufgeklärt und nach ihrem Teilnahmeeinverständnis gefragt. Alle Proband*innen wurden dann von Studienmitarbeitern in ausführlichen Assessments auf Mobilität, Ausdauer, Gleichgewichtsvermögen und so weiter untersucht. Danach erfolgte eine randomisierte, also zufällige Zuteilung der Teilnehmer*innen in Kontroll- und Interventionsgruppe. Die Kontrollgruppe erhielt die üblichen zwei Therapien im Rahmen der Komplexbehandlung vom Krankenhaus, während die Interventionsgruppe täglich noch eine zusätzliche Therapie-Einheit erhielt. Diese bestand aus individuellen Übungen, welche an die Patient*innen angepasst waren. Bevor die Patient*innen nach Hause entlassen wurden, erfolgte eine erneute Untersuchung mit den gleichen Assessments wie zu Beginn, denn um eine Veränderung messen zu können, bedarf es natürlich Vergleichswerte. Am Ende konnten wir auf eine Vielzahl an Parametern für die statistische Auswertung zurückgreifen und untersuchen, ob sich die Interventionsgruppe mit ihren zusätzlichen Therapien im Gegensatz zur Kontrollgruppe deutlich verbessern konnte. Natürlich gab es sehr viele kleine Zwischenschritte, die aber an dieser Stelle sicherlich den Rahmen sprengen würden.

Nach welchen Kriterien haben Sie die Studienteilnehmer*innen ausgewählt?

Süßmilch: Wir hatten recht strikt gefasste, vorab definierte Ein- und Ausschlusskriterien. Ob diese den klinischen Alltag widerspiegeln, darüber lässt sich sicher diskutieren. Im Rahmen einer solchen Pilotstudie, welche in einem sehr kurzen Zeitfenster und als Bachelor-Arbeiten durchgeführt wurde, war es jedoch notwendig, dass mögliche Teilnehmerfeld gewissermaßen einzuschränken.


Die genauen Kriterien der Studie waren wie folgt definiert:

Einschlusskritierien:

  • Mindestalter von 65 Jahren
  • Gehfähigkeit mit oder ohne Hilfsmittel bei einem FAC-Score von ≥ 3
  • eingeschränkte Mobilität (TUG >9 Sekunden)
  • geplanter stationärer Aufenthalt mit akut-medizinischer Versorgung von mindestens zwei Wochen im kooperierenden Krankenhaus.

Ausschlusskritierien:

  • bedeutsame kognitive Einschränkungen, definiert durch den ICD-10-Code: F06.7 bzw. einer Mini-Mental-State Examination (MMSE) <18 Punkte
  • stark eingeschränktes Seh- und/oder Hörvermögen
  • kein grundlegendes Verständnis der deutschen Sprache
  • akut-psychiatrischer Zustand
  • eingeleitete Palliativ-Versorgung
  • keine Freigabe von ärztlicher Seite für physiotherapeutische Maßnahmen bzw. körperliches Training
  • kein Verständnis, einfachen Anweisungen zu folgen
  • und/oder wenn die Baseline-Untersuchung (Prä-Testung/T1) nicht innerhalb der ersten 5 Tage stattgefunden hat/stattfinden konnte

Konnten Sie denn durch intensivere Therapie eine Verbesserung bei den Patient*innen feststellen?

Süßmilch: Ich hatte ja bereits kurz erwähnt, dass es sich um eine Pilotstudie handelte. Wir konnten uns also auf keine vorab durchgeführten Studienergebnisse stützen oder Vergleiche ziehen. Unsere Teilnehmerzahl war mit 13 auch eigentlich zu gering, um statistisch auswertbare Aussagen über Effekte des Trainingsprogramms vorzunehmen. Dennoch gab es positive Tendenzen in der Interventionsgruppe, welche eine Überprüfung in einer Folgestudie absolut rechtfertigen. Wichtig festzuhalten ist, dass sich weder die Kontroll- noch die Interventionsgruppe während des stationären Aufenthaltes verschlechtert haben, sich die Interventionsgruppe aber in mehreren Parametern mehr verbessern konnte als die Kontrollgruppe. In einigen Assessments war diese Verbesserung sogar statistisch signifikant. Dennoch muss ich hier nochmal daraufhin weisen, dass diese Ergebnisse aufgrund der geringen Teilnehmerzahl in ihrer Aussagenkraft limitiert, also eingeschränkt, sind.

Haben Sie bereits eine Resonanz auf Ihre Forschungsergebnisse bekommen?

Süßmilch: Die Bachelor-Arbeiten sind jetzt bereits seit März 2017 abgeschlossen und ich bin insgesamt sehr zufrieden mit der Studie. Das Kooperationskrankenhaus, bei dem ich bereits seit letztem Jahr angestellt bin, zeigte sich auch sehr interessiert an den Ergebnissen und an der generellen Durchführung. Im physiotherapeutischen Setting war dies nämlich die erste klinische Studie für das EvK Castrop-Rauxel.

Besonders erfreulich war für mich persönlich, dass meine Bachelorarbeit von meinem betreuenden Professor, Prof. Dr. Christian Thiel, für den IFK-Wissenschaftspreis 2017 vorgeschlagen wurde und ich tatsächlich im Juni 2017 den zweiten Preis gewonnen habe. Das war natürlich eine ganz besonders schöne Belohnung für die viele vorangegangene Arbeit und Mühe.

Gibt es Überlegungen, die Studie fortzusetzen oder zu wiederholen?

Süßmilch: In der Tat. Auch 2017 wurde die Studie wieder in ähnlichem Rahmen im EvK Castrop-Rauxel durchgeführt. Es haben wieder zwei Bachelor-Studierende als Hauptforscher, nämlich Isabel Schwenk und Max Wießmeier, sowie einige Studierende aus dem fünften Semester der hsg als Studienmitarbeiter*innen mitgearbeitet. Meine früheren Dozenten, Prof. Dr. Christian Thiel und Tobias Braun, haben mich zudem gefragt, ob ich die Studie begleiten und koordinieren würde, da ich ja in dem Kooperationshaus arbeite. Dadurch habe ich natürlich Einblicke in die Abläufe des Krankenhauses und kann aus dem Jahr 2016 einige Erfahrungen in der Studiendurchführung mitbringen. Ich denke, dass wir so gemeinsam in der Lage waren, die Organisation der Studie zu verbessern. Ein großes Ziel der Studie des Jahres 2017 war außerdem eine größere Teilnehmerzahl, sodass die Ergebnisse beider Studien, also von 2016 und 2017, am Ende zusammen gewertet werden können und statistisch-auswertbare Aussagen über die Effekte des zusätzlichen Trainingsprogramms liefern. Mittlerweile ist der praktische Teil der Studie 2017 auch bereits abgeschlossen und es wurde tatsächlich eine Teilnehmerzahl von 22 erreicht, was natürlich für alle Mitwirkenden sehr erfreulich ist. Nun sind wir natürlich alle sehr gespannt auf die Auswertungen der Ergebnisse.


Das Interview führte Dr. Anna Knaup, Online-Redakteurin des hsg-magazins

Aufmacher: privat

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