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DAS ONLINE-MAGAZIN DER HOCHSCHULE FÜR GESUNDHEIT IN BOCHUM

Wenn plötzlich die Worte fehlen

Dr. Sascha Sommer, Professor für Kognitive Neuropsychologie im Studienbereich Logopädie an der Hochschule für Gesundheit (hsg Bochum), hat eine Absolventin der Ruhr-Universität Bochum bei ihrer Masterarbeit betreut. Gemeinsam untersuchten sie die Wirksamkeit eines digitalen Trainings für kognitive und sprachliche Leistungen von Patient*innen mit Multipler Sklerose (MS).

Multiple Sklerose wird auch ‚die Krankheit mit den tausend Gesichtern‘ genannt, weil die Verlaufsformen bei dieser chronisch-entzündlichen Erkrankung des Nervensystems so unterschiedlich sein können. Die Symptome reichen von Sehstörungen über Kribbeln und Schwächegefühl in den Beinen bis hin Schmerzen in den Extremitäten. Ein weniger bekanntes Gesicht der MS sind jedoch mögliche kognitive und sprachliche Einschränkungen. Patient*innen fällt es schwer, sich neue Informationen zu merken oder gespeicherte Erinnerungen abzurufen. Außerdem können sie sich mitunter schlechter konzentrieren und es fällt ihnen schwer, im Gespräch die richtigen Worte zu finden. Mit diesen Beeinträchtigungen und ihrer Behandlung beschäftigt sich der Studienbereich Logopädie an der hsg Bochum.

Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses

„Als Professor einer Hochschule für angewandte Wissenschaften ist es meine Aufgabe, den qualifizierten Nachwuchs zu fördern. Und wenn dann noch eine so motivierte und engagierte Studentin wie Astrid Hönekopp auf mich zukommt, mache ich das besonders gern“, erklärt Prof. Dr. Sascha Sommer. Der Neuropsychologe arbeitet an der Hochschule für Gesundheit unter anderem zu neurodegenerativen Erkrankungen, zu denen auch die Multiple Sklerose zählt. Dabei gilt sein besonderes Interesse dem Einsatz neuer Informations- und Kommunikationstechnologien für die Behandlung der kognitiven und sprachlichen Folgen dieser Erkrankungen.

Auf diese Spezialisierung war auch Astrid Hönekopp aufmerksam geworden. Hönekopp hat Psychologie und Kognitive Neurowissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum studiert und war auf der Suche nach einem Thema für ihre Abschlussarbeit, in dem neue Technologien im Bereich der Neurowissenschaften erforscht werden. Mit diesem gezielten Interesse hat sie selbst den Kontakt zu Prof. Sommer gesucht. Er schlug ihr vor, das Programm ‚MS Kognition‘ zu untersuchen. Dieses Internet-Trainingsprogramm zur Stärkung der kognitiven Fähigkeiten für Menschen mit Multipler Sklerose ist ein Angebot der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft und kann kostenlos im Internetbrowser und als App genutzt werden.

Das öffentliche Bewusstsein stärken

Sommer hatte bereits die Bachelorarbeit einer Studentin des Studiengangs Logopädie der hsg Bochum zu dieser Anwendung betreut und wollte die Wirksamkeitsanalyse weiter vertiefen. „Vielen ist klar, dass es bei MS-Patient*innen generelle kognitive Einschränkungen gibt. Die Beeinträchtigungen bei Sprache und Stimme stehen jedoch nicht im Fokus und sind daher auch noch nicht gut genug untersucht. Deshalb ist gerade sprachlich und kognitiv ausgerichtete Forschung bei MS von Bedeutung“, erklärt der Logopädie-Professor.

Beeinträchtigungen der Sprache und Stimme stehen bei MS nicht im Fokus

Sommer hat es sich grundsätzlich zur Aufgabe gemacht, das öffentliche Bewusstsein für die Auswirkungen von Kommunikationseinschränkungen von Patient*innen mit neurodegenerativen Erkrankungen wie der MS, der Parkinsonkrankheit oder Demenzerkrankungen zu schärfen und dieses Thema in der Lehre und Forschung stärker zu verankern. Eine Masterarbeit wie die von Astrid Hönekopp bietet dazu eine gute Gelegenheit: Sie hat untersucht, ob die Anwendung MS Kognition in der Lage ist, die Wortflüssigkeit – also die Fähigkeit, Wörter mit gesuchten Eigenschaften schnell abrufen und ausdrücken zu können – und das Langzeitgedächtnis von MS-Patient*innen zu verbessern. Dazu hat sie bei den Studienteilnehmer*innen die Wortflüssigkeit und die Leistung des Langzeitgedächtnisses mittels verschiedener kognitiver Tests überprüft.

Wissenschaftliche Publikation der Ergebnisse folgt

Anschließend wurden die Proband*innen in zwei verschiedene Gruppen aufgeteilt: Die eine Gruppe trainierte sechs Wochen lang mit dem Programm MS Kognition ihre Wortflüssigkeit. Die andere Gruppe machte in derselben Zeit eine Übung für das Langzeitgedächtnis. Eine erneute Analyse ihrer Fähigkeiten mit denselben kognitiven Tests sollte zeige, ob sich die Teilnehmer*innen verbessert hatten. „Die genauen Resultate kann ich noch nicht verraten, weil wir unsere Ergebnisse noch wissenschaftlich publizieren werden, aber ich kann sagen, dass die Ergebnisse grundsätzlich darauf hinweisen, dass eine Verbesserung in den untersuchten Kategorien stattfindet“, so Astrid Hönekopp zu ihrer Untersuchung.

Zusätzlich zu den Leistungstests hat sie auch erhoben, wie die Teilnehmer*innen die Anwendung MS-Kognition subjektiv bewerten. „Wir haben viele positive Rückmeldungen bekommen und abgesehen von kleinen technischen Schwierigkeiten waren die Patient*innen sehr zufrieden mit der Anwendung. Viele wollen damit auch in Zukunft weiter trainieren“, so Hönekopp. Inzwischen hat die RUB-Studentin selbst ihren Masterabschluss erfolgreich bestanden und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Rehabilitationswissenschaften an der Technischen Universität Dortmund. Mit der Kooperation mit Sascha Sommer ist sie sehr zufrieden: „Ich finde, er hat mich sehr gut betreut. Er hat mir viel Freiraum gelassen, weil ich auch schon einige Erfahrung in der Forschung hatte, mich aber immer unterstützt, wenn ich Hilfe brauchte“, so die Neurowissenschaftlerin.


Text: Judith Merkelt-Jedamzik, Online-Redakteurin des hsg-magazins. Der Text erschien am 30. Mai 2020 im hsg-magazin.

Aufmacher: Zu sehen sind Prof. Dr. Schascha Sommer (links) und Astrid Hönekopp (rechts). Foto1: hsg Bochum/ Volker Wiciok, Foto2: privat

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