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Foto: pixabay

Zu Corona forschen

7. Oktober 2021

Gleich zu Beginn der Pandemie führte Prof. Dr. Markus Zimmermann ein interdisziplinäres Expertengremium, das im Auftrag des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales in Nordrhein-Westfalen (NRW) ‚Handlungsempfehlungen zum Schutz vor Infektion und vor sozialer Isolation von Menschen mit Pflegebedürftigkeit und Teilhabebeeinträchtigungen in einer Exit-Strategie’ erarbeitete. Aktuell leitet der Professor für Pflegerische Versorgungsforschung mit seiner Kollegin Dr. Antje Weseler ein Team der Hochschule für Gesundheit in Bochum, das das Hygienekonzept der Ruhrtriennale 2021 untersucht und Empfehlungen ausspricht, die künftigen kulturellen Großveranstaltungen eine Richtschnur sein sollen. Das Online-Magazin der Hochschule für Gesundheit wollte von ihm und Dr. Antje Weseler wissen, wie man so ein Konzept untersucht und wie es um den aktuellen Forschungsstand rund um das Thema Corona steht.

Die Ruhrtriennale 2021 – auch unter Pandemiebedingungen ein Festival der Künste, das bis Ende September parallel an mehreren Orten in Gladbeck, Bochum, Duisburg und Essen stattfand. Insgesamt 110 Veranstaltungen mit mehr als 600 Künstler*innen und tausenden Besucher*innen. Wie erforscht man das Hygienekonzept eines solchen Mammut-Projektes?

Prof. Dr. Markus Zimmermann: Indem man sich Richtlinien, Gesetze und Verordnungen anschaut und sie mit dem bestehenden Hygienekonzept abgleicht und untersucht, inwiefern es zu den Verordnungen, aber auch zum Forschungsstand passt. Das macht man natürlich in einem interprofessionellen Team.

Das wie zusammengesetzt wird?

Dr. Antje Weseler: Wir sind sechs Wissenschaftler*innen aus den Bereichen Pflegewissenschaft, Hygiene, Infektologie, Public Health und Medizin. Und wir haben den Hygiene Experten Prof. Dr. Dieter Häussinger von der Heinrich-Heine Universität in Düsseldorf sowie den Raumlufthygiene-Experten Prof. Dr. Rüdiger Külpmann von der Hochschule Luzern, denn die Qualität der Raumluft zu überwachen, sowohl in der Veranstaltungshalle als auch in den verschiedenen Räumen, in denen sich zum Beispiel die Künstler vorbereiten, ist sehr wichtig.

Sie haben bereits die Vorbereitungen begleitet.

Zimmermann: Ja. Seit dem Frühjahr 2021. Das Konzept hat sich seitdem immer wieder massiv verändert, weil es auf neue Situationen reagieren musste, auf neue Wissensstände und neue Verordnungen. Wir müssen das alles in einem Zusammenspiel sehen, auf Anpassungen reagieren und schauen, inwieweit das mit externen Regelungen übereinstimmt. Aber das ist nur ein Teil unserer Forschung.

Inwiefern?

Zimmermann: Wir wollen überprüfen, wie man es schafft, eine solche Großveranstaltung von der Planung in die Realität mit dem unkalkulierbaren Faktoren Mensch und Menschenmasse umzusetzen. Das macht den Reiz aus: die Umsetzung zu verfolgen und daraus Rückschlüsse abzuleiten, inwiefern solche Großveranstaltungen in Zukunft zur Pandemiezeit machbar sind.

Welche Ergebnisse gibt es bisher?

Weseler: Wir sehen ein sehr hohes Engagement beim Veranstalter und hohe Akribie, alles in den Blick zu nehmen, was an Regularien und Verordnungen relevant ist. Teil unseres Projektes ist auch, die Mitwirkenden zu schulen und zu begleiten und dabei zu evaluieren, wie die Menschen motiviert und instruiert werden, um konsequent die Hygienemaßnahmen zu implementieren.

Das Bild zeigt Dr. Antje Weseler, Vertretungsprofessorin für Translationale Pharmakologie und Medizin im Department für Pflegewissenschaft.
Foto: HS Gesundheit
Dr. Antje Weseler ist Vertretungsprofessorin für Translationale Pharmakologie und Medizin.

Weil Kontrolle auch Grenzen hat?

Zimmermann: Genau das fragen wir: Wie detailliert muss man alles regeln? Was ist zu viel? Welche Bedeutung hat dabei auch Eigenverantwortung? Klar ist: Je größer die Gefahr, sich gegenseitig anzustecken, desto strenger sind die Regelungen und desto feiner wird getestet, denn es gibt eine sehr umfassende Teststrategie.

Die Ruhr-Triennale ist nicht Ihr erstes Projekt zum Thema Corona. Was macht die Forschung in der Pandemie so herausfordernd?

Zimmermann: An vielen Stellen wird daraus schnell Aktionsforschung, also ein ständiger Dialog aus Wissenschaft und Praxis. Durch die sich ständig verändernden Rahmenbedingungen – sei es durch externe Regelungen, neues Wissen oder ein sich veränderndes Infektionsgeschehen – haben wir ein sich immer veränderndes Feld. Und das ist weit entfernt von Laborbedingungen.

Wie schätzen Sie den Forschungsstand zur Durchführung von Großveranstaltungen in Zeiten von Corona ein?

Zimmermann: Wir haben zu vergleichbaren Veranstaltungen noch keine beendeten Forschungsprojekte gefunden. Man muss sich alles zusammensuchen: Ergebnisse aus der Aerosolforschung, also der Erforschung der Eigenschaften von Aerosolpartikeln, Überprüfung von Hygienestandards… Es ist wie ein Puzzle. Über das Gelingen oder Misslingen solcher Veranstaltungen ist in dieser Form bislang nichts publiziert. Viel hat sich seit dem ersten Projekt in der Frühphase der Pandemie nicht geändert.

Das Bild zeigt Prof. Dr. Markus Zimmermann.
Foto: HS Gesundheit/jmj
Prof. Dr. Markus Zimmermann ist Professor für Pflegerische Versorgungsforschung am Department für Pflegewissenschaft.

Damals ging es um den Schutz vor Infektion und vor sozialer Isolation …

Zimmermann: … es gab damals ein großes Interesse, die besonders gefährdeten Gruppen wie Pflegeheimbewohner oder Bewohner von Behindertenheimen, einen höchstmöglichen Schutz zu geben und das Ansteckungs-Risiko zu minimieren. Das führte dazu, dass Heimbewohner*innen weitgehend von der Außenwelt abgeschottet wurden, weil schnell deutlich wurde: Wenn einmal in einem Haus ein Ausbruch stattfindet, dann werden sehr viele davon betroffen sein – und es hat ja dann auch zu sehr hohen Todeszahlen unter Einwohner*innen von Heimen geführt.

Zugleich hatte aber auch die Isolation Folgen.

Zimmermann: Gerade in der stationären Langzeitpflege sind weit über die Hälfte der Menschen demenziell erkrankt, das heißt, sie haben sehr eingeschränkte kognitive Wahrnehmung und können gar nicht begreifen, was passiert. Dazu kommt, dass viele dieser Menschen nach wie vor sehr eng von ihren Familien begleitet werden. Wenn diese Bezugspersonen von heute auf morgen nicht mehr kommen können, bedeutet das einen wahnsinnigen Einbruch für diese Menschen. Für das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales stellte sich rasch die Frage, wie man in dieser Situation auf der einen Seite so etwas wie soziale Kontakte weiter ermöglichen, auf der anderen Seite aber die Bewohner*innen schützen kann.

Das hat eine interdisziplinäre Gruppe Wissenschaftler unter Ihrer Leitung erforscht – mit welchem Ergebnis?

Zimmermann: Wir haben Hinweise gegeben, wie der Besuch im Heim unter Beachtung der Vorschriften des RKI ablaufen kann. Wir haben außerdem auf Menschenrechte hingewiesen und darauf, dass wir durch Besuchsverbote Persönlichkeitsrechte gefährdet sehen. Dazu kommt die Gefährdung durch die Isolation und die Frage, ob die psychischen Folgen höher sind als die Gefährdung durch die Pandemie. So gaben wir Hinweise, begrenzte und organisierte Besuchsmöglichkeiten zu schaffen – Im Mai 2020 wurden daraufhin – pünktlich zu Muttertag – die Heime wieder geöffnet.

Wie fühlte sich das für Sie an?

Zimmermann: Ambivalent, denn man trägt das Restrisiko mit, dass durch solche Öffnungen auch wieder große Ausbrüche entstehen können.

Welche Forschungsaspekte zu Corona fehlen besonders?

Zimmermann: Nach wie vor haben wir – aus meiner Sicht – in Deutschland zu wenig in die Forschung über Folgewirkungen investiert. Geht es um aktuelle Themen zur Impfung von Kindern und Jugendlichen, Long Covid oder auch psychische und soziale Folgewirkungen der Lockdowns, wird fast ausschließlich aus ausländischen Studien zitiert.

Foto: hsg Bochum
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