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DAS ONLINE-MAGAZIN DER HOCHSCHULE FÜR GESUNDHEIT IN BOCHUM

Der Mensch steht im Vordergrund

Gemeinsam mit der Selbsthilfeakademie Nordrhein-Westfalen hat die Hochschule für Gesundheit (hsg Bochum) Mitte Juni 2018 ein Symposium ‚Selbsthilfe – Hochschule. Hochschule – Selbsthilfe. Studierende und Selbsthilfegruppen im Dialog‘ organisiert. Ein Tag voller Eindrücke, Informationen und Erkenntnisse.

Ein Pfiff ertönt: Zwei Minuten Zeit, um sich über das Thema Tätowierung zu unterhalten. Gerne könnten diejenigen, die ein Tattoo haben, diese auch zeigen, regt der Moderator launig an. Die Teilnehmer*innen des Datings laufen suchend herum, um neue Ansprechpartner*innen im lichtdurchfluteten Atrium der hsg Bochum zu finden. Studierende suchen Vertreter*innen der Selbsthilfegruppen und umgekehrt. Bis vor dem Pfiff eben hatten sich die Teilnehmer*innen bereits zwei Minuten lang im Rahmen des Dating-Programmpunkts mit anderen Ansprechpartner*innen unterhalten. Hier geht es wie beim Speed-Dating um das schnelle, kurzweilige Kennenlernen und Begegnen. Und wieder ein Pfiff: Die zwei Minuten sind schon wieder vorbei. Neues Thema, neue Menschen, neue Informationen.

34 Studierende des Departments für Pflegewissenschaft der hsg Bochum aus dem vierten Semester lernen auf einem Symposium über 50 Selbsthilfe-Aktive aus Nordrhein-Westfalen kennen. Locker und unterhaltsam startet so die Kooperationsveranstaltung der Selbsthilfeakademie NRW und der Hochschule für Gesundheit (hsg Bochum) am Morgen des 12. Junis 2018. Erst am Nachmittag, gegen halb vier, wird der Tag enden und viele neue Eindrücke bei allen Teilnehmer*innen hinterlassen haben.

„Es ist etwas anderes, ob man einmal einfach nur etwas von einer Selbsthilfegruppe gehört hat oder ob man Kontakt zu Vertreter*innen dieser Gruppen hatte. Deshalb haben wir Selbsthilfegruppen aus ganz Nordrhein-Westfalen eingeladen – vor Ort sind beispielsweise vertreten seltene und chronische Krankheiten sowie Suchtkrankheiten – so dass sich die Studierenden der Hochschule ein ganz konkretes Bild von den Selbsthilfeeinrichtungen machen können“, erklärt Bernd Hoeber, Bildungsreferent Selbsthilfeakademie NRW, der die Veranstaltung mitorganisiert hat.

Nachdem die Aktiven aus den jeweiligen Selbsthilfegruppen ihre Themen auf ein Poster geschrieben haben, wird plakativ deutlich, wie vielfältig und lang diese Liste von Gruppen und Erkrankungen ist. Hier geht es Mitte Juni also um Erkrankungen wie Parkinson, Rheuma, Depressionen, Borderline und Migräne sowie um Suchthilfe.

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Auf einem Poster schrieben die verschiedenen Selbsthilfegruppen ihre Namen, so dass eine lange Liste entstand. Foto: hsg

Alle Aktiven in der Selbsthilfe, die an einem solchen Tag vor Ort sind, haben eine Botschaft – mindestens eine. So wie Klaus-Peter Karger, der an die hsg Bochum kam, um über das Thema ‚Apnoe‘, also über den Atemstillstand, zu sprechen. Seit zwanzig Jahren beschäftigt er sich damit und hatte selbst unter solchen Atemausschaltungen in Tiefschlaf-Phasen zu leiden, als „das Krankheitsbild in der Öffentlichkeit noch nicht so bekannt war“, wie er sich heute erinnert.

Auf Initiative eines Krankenhauses sei dann die Idee entstanden, eine Selbsthilfegruppe zum Thema ‚Schlafapnoe‘ in Dorsten zu gründen, in der er sich zwanzig Jahre lang engagierte. Ungefähr so lange ist der heute 79-Jährige auch in der Arbeitsgemeinschaft ‚Schlafapnoe / Chronische Schlafstörungen‘ aktiv. Er möchte andere Menschen über diese chronische Schlafstörung und ihre Risiken aufklären. Karger: „Die Atmung setzt im Regelfall zwischen einer Minute und bis zu fünf Minuten während der Tiefschlafphase aus. Der Körper leidet unter dem Sauerstoffverlust und er kann zu hohem Blutdruck und Herzerkrankungen führen.“ Das Symposium nutzt Klaus-Peter Karger, um andere Selbsthilfegruppen kennenzulernen, selbst Informationen zusammenzutragen und interessierte Studierende über die chronische Schlafstörung zu informieren.

Einen ganzen Tag lang konnten die Aktiven aus den Selbsthilfegruppen mit den Studierenden in den Dialog treten. Zweimal taucht auf dem Programm der Begriff WorldCafé auf. Hier diskutieren die Teilnehmer*innen eine Stunde lang darüber, welche Information und Beratung Patient*innen benötigen, um selbstbestimmt entscheiden zu können, was noch hilft, um mit einer Erkrankung zurecht zu kommen und was Teilhabe für jeden Einzelnen bedeutet und wie sie gelingt. Zwei Vorträge sorgten für weiteren Input. So referierte Dr. Christiane Erbel von der Gesundheitsselbsthilfe NRW über ‚Selbsthilfe – Impulsgeber für ein besseres Gesundheitswesen?!‘ und Dr. Markus Wübbeler, Vertretungsprofessor für Gerontologie an der hsg Bochum, hielt einen Vortrag zum Thema ‚Partizipation und Teilhabe in dem umfassenden Gesundheitsmodell der WHO‘.

„Unsere Studierenden konnten erfahren, inwieweit die Kompetenzen der Selbsthilfe ein Gewinn für den späteren Umgang mit Patient*innen sind “, erklärte Prof. Dr. Sandra Bachmann vom Department für Pflegewissenschaft.

„Unsere Studierenden konnten sich mit den Selbsthilfe-Aktiven austauschen und erfahren, inwieweit die Kompetenzen der Selbsthilfe ein Gewinn für den späteren Umgang mit Patient*innen sind “, erklärte Prof. Dr. Sandra Bachmann vom Department für Pflegewissenschaft, die die Veranstaltung ‚Selbsthilfe trifft Hochschule‘ mitorganisiert hat. „Diese Begegnung und dieser Austausch sind wertvoll im Hinblick auf eine klientenorientierte Beratung und Schulung durch die zukünftigen akademisch qualifizierten Pflegekräfte“, ergänzt sie.

Eine Nachfrage bei einer Studentin am Nachmittag zeigt, dass das Konzept aufgegangen ist. Laura Brinkhorst, die im vierten Semester ‚Pflege‘ an der hsg Bochum studiert, hatte sich unter anderem mit Selbsthilfe-Aktiven der Parkinson- und der Schlaganfall-Gruppe unterhalten. „Es war für mich interessant, heute den Fokus auf die Angehörigen zu legen und nicht nur auf die Patient*innen. Wenn man von Selbsthilfe-Gruppen hört, dann hat man immer sofort einen Stuhlkreis als Bild im Kopf. Das ist aber nicht das Typische. Heute habe ich viel darüber erfahren, welche Hilfs- und Informationsangebote man über die Selbsthilfegruppe erhalten kann – auch als Fachkraft.“

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hsg-Studentin Laura Brinkhorst steht vor der Liste der Selbsthilfegruppen, die vor Ort vertreten waren. Sie fand den Tag "interessant". Foto: hsg

Und genau darum geht es der Selbsthilfeakademie, wie Bernd Hoeber bestätigt: „Uns ist es wichtig, zu zeigen, dass der Kontakt Patient*in und Pflegefachkraft keine Einbahnstraße ist, sondern dass ich auch als Pflegefachkraft etwas von Patient*innen beziehungsweise der Selbsthilfe lernen kann. Es ist eine gute Ergänzung des Gesundheitssystems, wenn die Patient*innen eigene Strategien entwickeln, um mit ihrer Erkrankung umgehen zu können. Häufig ist ja das ganze Familiensystem von der Krankheit eines Einzelnen mitbetroffen.“ Diese heutige Veranstaltung habe das Ziel, den Selbsthilfeeinrichtungen Verbindungen ins Versorgungssystem zu ebnen. Hoeber: „Wir wollen Brücken bauen, um die Selbsthilfe besser im Gesundheitssystem zu vernetzen.“

An den Tischen im World Café im Atrium erarbeiteten Studierende und Selbsthilfe-Aktive gemeinsam Antworten auf Fragen wie ‚Welche Informationen und Beratung brauchen Patient*innen, um selbstbestimmt entscheiden zu können?‘, ‚Was hilft noch, um mit einer Erkrankung zurecht zu kommen?‘ oder ‚Was bedeutet Teilhabe für mich?‘. Die Antworten auf diese Fragen wurden jeweils in einem Poster festgehalten, so dass eine Reihe von informativer Poster entstand, die den Boden des Atriums der hsg Bochum säumten.

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Es entstanden im World Café eine Reihe von Postern zu Fragestellungen, die von Studierenden und Aktiven der Selbsthilfe gemeinsam beantwortet wurden. Foto: hsg

Am Ende eines diskussionsfreudigen Tages fotografiert Jens Riede, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Department für Pflegewissenschaft und Mitorganisator des Symposiums, noch einmal in Ruhe die Poster. Zu jedem der vielen Selbsthilfegruppen ist ein Poster mit Informationen und Hilfsangeboten entstanden. „Das Symposium wurde von allen Beteiligten durchweg positiv angenommen und vielfach der Wunsch geäußert, diese Veranstaltung öfter und auch regelmäßig stattfinden zu lassen“, fasst Riede die Eindrücke des Tages zusammen und berichtet von einem besonderen Feedback eines Teilnehmenden: „Der Mensch stand im Vordergrund und nicht der ‚Kranke‘ oder ‚das Personal‘.


Text: Dr. Christiane Krüger, Pressesprecherin der hsg Bochum.

Aufmacher: hsg. Zu sehen ist das Gruppenbild der Teilnehmer*innen des Symposiums ‚Selbsthilfe – Hochschule‘ vom 12. Juni 2018 in der hsg Bochum.

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