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DAS ONLINE-MAGAZIN DER HOCHSCHULE FÜR GESUNDHEIT IN BOCHUM

Lernen und helfen in Kinderstube

Gespannt schauen die AWO-Mitarbeiter*innen auf den Bildschirm. Endlich startet das Video: Es sind vier Frauen zu sehen, die abwartend in einem Flur stehen. Es ertönt Musik und schon werden die Hüften rhythmisch hin und her gewogen. Eine Stimme in dem Lied singt: „Es geht von Kopf bis Fuß!“ Passend zu den Textzeilen fassen sich die vier Frauen einmal mit den Händen an ihren Kopf und dann hinunter zu ihren Füßen. – Das und noch viel mehr kommt heraus, wenn motivierte Studierende des Studiengangs ‚Gesundheit und Diversity‘ der Hochschule für Gesundheit (hsg) für die AWO Kinderstube ‚Spielwiese‘ in Dortmund ein ansprechendes Präventionsprogramm erarbeiten.

Choreographie mit Inklusionsgedanken

Weil die Studierenden wissen, dass durch körperliche Aktivität die Übereifrigkeit von Kindern mit einer Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) bestmöglich eingefangen werden kann, entwickeln sie einen Tanz. Und damit die Mitarbeiter*innen der AWO die Bewegungen auch später noch ins Gedächtnis holen können, drehen sie ein Video, in dem sie die Choreographie vortanzen. Besonders positiv bei dem Tanz ist, dass alle Kinder in der Gruppe mitmachen können – nicht nur die mit ADHS. „So war also in dem Lösungsansatz, den die Studierenden entwickelten, gleich auch noch ein Inklusionsgedanke enthalten“, erklärt Dr. Shoma Berkemeyer, Vertretungsprofessorin für die ‚Methodologie der Gesundheitsforschung‘ am Department of Community Health der hsg.

Eine Kooperation entsteht

Doch zunächst zu den Anfängen der Kooperation: Im Februar 2017 fand in Essen die Konferenz ‚Gesund aufwachsen im Revier‘ statt. Hier kamen die Diplom-Pädagogin Kristina Budde des AWO-Unterbezirks Dortmund, die für die Kindertagespflege in Kinderstuben zuständig ist, und Berkemeyer von der hsg miteinander ins Gespräch. Budde äußerte, dass sie gerne ein Präventionsangebot für die AWO-Mitarbeiter*innen der Kindertagesstätten auf die Beine stellen würde. Eine Aufgabe, von der Berkemeyer wusste, dass sie für ihre Studierenden sehr lehrreich sein würde. „Es ist einfach etwas ganz anderes, wenn man etwas theoretisch durchdenkt oder wenn man etwas praktisch anwendet. Durch Praxis haben Studierende einen Aha-Effekt, den man durch Theorie nicht erreichen kann,“ ist Berkemeyer überzeugt.

Sara Kunstmann, die an der hsg ‚Gesundheit und Diversity‘ im fünften Bachelor-Semester studiert, kann dies nur bestätigen und ergänzt: „Ich denke, dass es gerade für uns im Studiengang wichtig ist, dass wir auch mal aus der Hochschule rausgehen, um so die Zielgruppe besser zu erreichen und einen Eindruck von deren Problemen zu bekommen.“

Und tatsächlich zeigte sich bei den Studierenden durch den Praxisbezug eine enorm große Motivation. „Die Studierenden wollten das, was sie bereits im Studium gelernt hatten, in der realen Welt auf die Probe stellen,“ berichtet Berkemeyer. Und sie fügt hinzu: „Die Studierenden hatten die Kompetenzen, die sie gerne anwenden wollten, und die Mitarbeiter*innen der Spielwiese hatten einen dringenden Bedarf. Das war für alle Beteiligten eine Win-win-Situation.“

"Das war für alle Beteiligten eine Win-win-Situation."
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Präventionsangebote

Insgesamt 35 Studierende des Studiengangs ‚Gesundheit und Diversity‘ setzten sich mit den täglichen Herausforderungen der Erzieher*innen der AWO Kinderstube ‚Spielwiese‘ in Dortmund auseinander und erarbeiteten verschiedene anwendungsorientierte Präventionsangebote. Den Rahmen hierfür bildete das Modul ‚Prävention im Kontext Diversity‘ des Bachelor-Studiengangs ‚Gesundheit und Diversity‘ der hsg und finanziert wurde die außergewöhnliche Kooperation im Rahmen des Lehr-Forschungsprojekts ‚SOLEIL‘, das von Mitteln zur Verbesserung der Qualität der Hochschullehre finanziert wurde.

„Die Mitarbeiter*innen äußerten gegenüber den Studierenden verschiedene Wünsche, wie zum Beispiel dass die Selbstachtung der Kinder gestärkt werden soll oder Möglichkeiten zum Stressabbau geschaffen werden sollen. Zu diesen und anderen Wünschen haben wir dann Übungen vorbereitet und zusammen mit den Mitarbeiter*innen durchgeführt,“ berichtet Kunstmann. Es entstanden zum Beispiel Atem-, Achtsamkeits- oder auch Rückenübungen. Immer wieder waren die Studierenden dabei vor neue Herausforderungen gestellt. Woher zum Beispiel sollten sie wissen, wie gute Rückenübungen aussehen? Doch dann stellte sich heraus, dass eine der Studierenden als Sportlehrerin arbeitet – und schon war dieses Problem gelöst.

In einem anderen Projekt sollte die interkulturelle Kompetenz der Kinder geschult werden. Hierfür überlegte sich eine Gruppe Studierender, zu der auch Sara Kunstmann zählte, dass hier sehr gut das Rollenspiel ‚Albatros‘ zum Einsatz kommen konnte. „Bei diesem Rollenspiel wird nämlich sehr schön deutlich gemacht, in wie weit wir vielleicht alle Vorurteile haben“, erklärt Kunstmann. Die Studierenden hatten ‚Albatros‘ im Rahmen ihres Studiums kennengerlernt – den Tagesmüttern war das Rollenspiel bis dahin allerdings noch unbekannt gewesen und sie freuten sich mehr darüber zu erfahren.

Gemeinsam schafft man mehr

„Die Studierenden mussten sich immer wieder fragen: Was sind meine Ressourcen? Was kann ich?“, beschreibt Berkemeyer den Lernprozess. Und immer wieder entdeckten die Studierenden neue Kompetenzen an sich und an ihren Mitstudierenden. Gemeinsam konnten sie dann tatsächlich für alle dringenden Bedürfnisse der Mitarbeiter*innen der AWO-Kindertagesstätte hilfreiche Angebote entwickeln. „Und ich glaube, dass es den Tagesmüttern auch ganz gut getan hat, dass es dieses Mal nicht um die Bedürfnisse der Kinder ging, sondern dass dieses Mal die Tagesmütter und ihre Gedanken im Mittelpunkt standen,“ beschreibt Kunstmann ihre Eindrücke von der Zusammenarbeit.

„Ich schätze an der hsg, dass hier auch derartig aufwendige Lehre ermöglicht wird, die nicht bloß an Büchern orientiert ist. Auf diese Weise können die Studierenden auf einer ganz anderen Ebene erreicht werden,“ sagt Berkemeyer. Auch nach dieser Kooperation wollen die Spielwiese und die hsg übrigens weiterhin in Kontakt bleiben.


Text: Dr. Anna Knaup, Online-Redakteurin des hsg-magazins

Aufmacher: Gerhard P. Müller

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