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DAS ONLINE-MAGAZIN DER HOCHSCHULE FÜR GESUNDHEIT IN BOCHUM

Parkinson im Fokus der Logopädie

Steifer Gang, gebeugter Rücken und zitternde Hände – wer an die Parkinson-Krankheit denkt, hat häufig zuerst die Merkmale, die den Bewegungsapparat betreffen, im Sinn. Die Krankheit kann jedoch auch andere Bereiche wie die Stimme, das Sprechen oder Denken beeinflussen. An der Hochschule für Gesundheit (hsg Bochum) lernen angehende Logopäd*innen daher ganz genau, wie Parkinson-Patient*innen am besten versorgt werden.

Die Parkinson-Erkrankung ist eine Erkrankung des zentralen Nervensystems, bei der die dopaminproduzierenden Nervenzellen in einem bestimmten Teil des Gehirns absterben. Die Symptome, der Krankheit sind sehr unterschiedlich und können auch den logopädischen Bereich betreffen: „Bei vielen Patient*innen wird das Sprechen unverständlicher. Auch die Stimme verändert sich. Häufig wird sie heiser und behaucht, so dass lautes Sprechen mit viel Anstrengung und vermehrtem Einatmen verbunden ist“, erklärt Dr. Hendrike Frieg, Vertretungsprofessorin im Studienbereich Logopädie an der hsg Bochum. Auch die Sprache könne sich bei Parkinson-Patient*innen verändern, so Frieg: „Wörter fallen nicht mehr so gut ein, das Denken wirkt langsamer und der Anschluss im Gespräch kann verloren gehen“.

Krankheit aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten

Daher sei es wichtig, dass Logopäd*innen schon während der Ausbildung lernen, welche Bedürfnisse Parkinson-Patient*innen haben, so die Sprachtherapeutin. „In der Lehre versuchen wir die Parkinson-Krankheit von möglichst vielen verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten“, sagt sie. Konkret geht es dabei um drei verschiedene Projekte innerhalb der Hochschule:

Zum einen gibt es eine Modelldiagnostik, die immer im Wintersemester in Kooperation mit dem Universitätsklinikum Knappschaftskrankenhaus Bochum und der Bochumer Ortsgruppe der Deutschen Parkinson Vereinigung e.V. stattfindet. Dabei erwerben Studierende der Logopädie im 3. Semester zunächst in einem Seminar die theoretischen Grundlagen, wie eine kognitiv-sprachliche Untersuchung von Parkinson-Patient*innen erfolgt und was dabei zu beachten ist. Im Anschluss haben sie die Möglichkeit, dies auch praktisch durchzuführen: Im Rahmen der gemeinsam mit Prof. Dr. Sascha Sommer, Dekan des Departments für Gesundheitswissenschaft der hsg Bochum, aufgebauten Kooperation können die Studierenden Parkinson-Patient*innen im Hinblick auf ihre sprachlich-kognitiven Fähigkeiten dann tatsächlich untersuchen.

„Die Rückmeldungen sind jedes Jahr überwältigend positiv. Die Studierenden schätzen, dass sie reale Menschen mit realen Beeinträchtigungen untersuchen können und nicht nur sich gegenseitig. Dabei wird ihnen viel deutlicher, dass es gar nicht so einfach ist, die Aufgabenbeschreibung des Tests möglichst wortgleich zu formulieren, das Gegenüber im Blick zu behalten und gleichzeitig die Leistung des Patienten zu beurteilen“, fasst Hendrike Frieg die Erfahrungen aus den letzten beiden Jahren zusammen. Außerdem würden die Studierenden im Umgang mit den Patient*innen erleben, wie schwierig es einerseits sein kann, einem fremden Menschen gegenüberzutreten und gleich seine Problemstelle zu untersuchen. Dadurch würden die Studierenden einfühlsamer und selbstsicherer in ihrem professionellen Auftreten, so Frieg.

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In den Räumen der hsg Bochum können Studierende logopädische Therapien hinter einer einseitig verspiegelten Glaswand mitverfolgen. Foto: hsg Bochum/Judith Merkelt-Jedamzik

Lehr- und Forschungsambulanz verbindet Theorie und Praxis

Zum anderen gibt es an der Hochschule eine logopädische ‚Lehr- und Forschungsambulanz‘ (LuFa), die an das ‚Interprofessionelle Gesundheitszentrum‘ (InGe) der hsg Bochum angeschlossen ist. Hier findet ebenfalls eine Verzahnung von Theorie und Praxis statt, indem reale Patient*innen mit verschiedenen Erkrankungen in die Ambulanz kommen und sich dort von berufserfahrenen Dozent*innen der Hochschule behandeln lassen können. Die Behandlung der Patient*innen dient den Studierenden als Beispiel. Außerdem können diese unter qualifizierter Anleitung auch selbst ihre Kenntnisse in die Praxis umsetzen.

Ein Patient der LuFa ist Sven Schneider*. Der 51-jährige Anwalt hat seine Parkinson-Diagnose seit etwa drei Jahren. Vor einem halben Jahr ist er durch eine Bekannte auf die Ambulanz der hsg Bochum aufmerksam geworden. Nachdem Schneider den Kontakt zur hsg Bochum aufgenommen hatte, wurde zunächst eine Analyse seiner aktuellen Situation vorgenommen. „Mein Sprach- und Sprechverhalten wurde analysiert – also zum Beispiel wann ich Luft hole, wenn ich längere Zeit am Stück rede“, erinnert sich Schneider.

Im Anschluss daran, konnte die logopädische Therapie beginnen. Diese wird durch Hendrike Frieg durchgeführt und von der Studentin Vanessa Dietrichs, die im 6. Semester Logopädie studiert, begleitet. „Ich bin einmal in der Woche an der hsg Bochum. Dort bekomme ich verschiedene Aufgaben, wie beispielsweise einen Text vorzulesen, um zu schauen, ob die Stimme am Satzende leiser wird. Aber auch kognitive Tests – sich Namen merken oder ähnliches“, erzählt Schneider. „Mir macht die Arbeit mit Frau Frieg und Frau Dietrichs großen Spaß – ich gehe gern hin“, fügt er hinzu.

Deshalb hat sich Schneider auch dazu entschieden bei einem weiteren Lehrprojekt der hsg Bochum mitzuwirken. Er war Teil des Projekts ‚Interprofessionelle Versorgung und Förderung der Lebensqualität für Menschen mit Morbus Parkinson ‘, das im Wintersemester 2019/2020 an der hsg Bochum durchgeführt wurde. In diesem Projekt kamen Studierende des 7. Semesters aus den Fachbereiche Ergotherapie, Physiotherapie und Logopädie zusammen und haben gemeinsam an einem Patienten gearbeitet. Zusammen haben die Studierenden eine Anamnese – also die Krankengeschichte des Patienten – aufgenommen, eine Diagnostik durchgeführt – also die konkreten Krankheitssymptome und ihre Ausprägung erhoben – und dann Handlungsempfehlungen für den Patienten überlegt.

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André Grates hat im Rahmen seines Physiotherapie-Studiums an einem interprofessionellen Lehrprojekt zur Parkinson-Krankheit teilgenommen. Foto: privat

Blick auf den Patient*innenalltag

„Ich finde es wichtig, sich darauf einzulassen, auch mal einen anderen Blickwinkel auf den Patienten einzunehmen“, sagt André Grates, der selbst Physiotherapie studiert und bei dem Parkinson-Projekt mit dabei war. Für ihn sei es besonders spannend gewesen zu sehen, welche Diagnostikinstrumente die Studierenden aus den anderen Fachbereichen verwenden, so Grates. Am Ende stand für ihn die Erkenntnis, dass sich die Fachbereiche gar nicht so sehr voneinander unterscheiden. Jedoch sei der Fokus bei Ergotherapie und Logopädie stärker auf das Alltagsgeschehen des Patienten gerichtet. Das wolle er versuchen, als Anregung im Kopf zu behalten, so der angehende Physiotherapeut.

Für Schneider ist es wichtig, die Studierenden an der hsg Bochum beim Lernen zu unterstützen. „Ich denke, mein Fall ist für die Studierenden auch deshalb interessant, weil ich noch so jung bin“, so der 51-Jährige. Er hofft, dass er mit seinem Engagement hilft, die nächste Generation an Therapeut*innen gut auf ihre Arbeit vorzubereiten. Außerdem wünscht er sich, dass er damit „einen kleinen Teil dazu beitragen kann, dass meine Krankheit erforscht wird“, so Schneider. Besonders gut an dem Parkinson-Projekt gefallen, hat ihm, dass die Studierenden ihm auch Tipps mitgegeben haben, wie er zuhause üben kann. „Ich bin kein Patient, der nur in den Therapiestunden übt – ich möchte auch immer zuhause etwas machen können“, erklärt er.

(*Name von der Redaktion geändert)


Text: Judith Merkelt-Jedamzik, Online-Redakteurin des hsg-magazins. Der Text erschien am 11. April 2020 im hsg-magazin.

Aufmacher: Das Foto zeigt Dr. Hendrike Frieg bei einer Lehrveranstaltung an der hsg Bochum. Foto: hsg Bochum/Judith Merkelt-Jedamzik

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