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Praktikum an der hsg Bochum trotz Corona-Pandemie

Roberta Caruso ist 24 Jahre alt und kommt aus dem kleinen Ort Roccamonfina im Süden Italiens. Die studierte Kindertherapeutin hat im Januar 2020 ein sechsmonatiges Graduiertenpraktikum an der Hochschule für Gesundheit begonnen. Was sie bei dem Praktikum erlebt hat und wie sie es trotz Corona-Lockdown absolvieren konnte, erzählt sie im Interview.

 

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Roberta Caruso vor ihrer Heimatunversität. Sie trägt einen Lorbeerkranz im Haar, den in Italien traditionell alle Absolventen zum Universitätsabschluss tragen. Foto: privat

Wo kommen Sie her und welches Studium haben Sie in Ihrer Heimat absolviert?

Roberta Caruso: Ich habe einen Bachelor-Abschluss als Therapeutin für neuro- und psychomotorische Entwicklungsstörung im Kindesalter. Der Name auf Italienisch ist ‚Terapia della neuro e psicomotricità dell’età evolutiva‘. Da es auch für uns Italiener ein langer Name ist, sagt man bei uns oft nur die Abkürzung nämlich ‚T.N.P.E.E.‘.  Die Fächer, die ich während der drei Jahre im Bachelor am meisten studiert habe, sind Kinderneuropsychiatrie, physiologische Entwicklung des Kindes, Kinderpsychologie und pädiatrische Rehabilitationstechniken. Während des Studiums habe ich Pflichtpraktika von insgesamt 1500 Stunden absolviert.

Ich habe auch einen Master-Abschluss in Rehabilitationswissenschaften von Gesundheitsberufen. In dem Studiengang habe ich Kurse im Bereich Management, Forschung und Lehre besucht. Es handelt sich um einen in Italien und Europa einzigartigen Beruf, da er auf die Prävention, Rehabilitation und Funktionsdiagnostik von Kindern im Alter von 0 bis 18 Jahren spezialisiert ist.

Als Therapeutin habe ich zwei Jahre lang in einer Praxis in Rom gearbeitet, Therapien durchgeführt, Funktionsdiagnosen gestellt und und zahlreiche Treffen mit Lehrern und Eltern der Kinder durchgeführt. Die Störungen, die ein/e Therapeut*in für neuro- und psychomotorische Entwicklungsstörung im Kindesalter behandeln kann, sind zum Beispiel: Autismus, geistige Behinderungen oder Lernstörungen beziehungsweise Lernbehinderungen. Der meinem Beruf am nächsten stehende Beruf in Deutschland ist der/die Kinderergotherapeut*in.

Wie unterscheidet sich die Arbeit in diesem Beruf in Italien von der in Deutschland?

Caruso: Zunächst einmal gibt es einen sehr wichtigen Unterschied auf dem Bildungsniveau. In Italien ist ein Universitätsabschluss obligatorisch, in Deutschland ist er nicht notwendig, um einen therapeutischen Beruf zu erlernen. Darüber hinaus kann nicht jeder in Italien diesen Studiengang belegen, denn man muss einen Eignungstest ablegen, der nur einmal im Jahr in ganz Italien stattfindet. Dieser Test wird auch für den Eintritt in das Masterstudium durchgeführt. In Deutschland ist, glaube ich, die Ausbildung von Therapeuten sehr praktisch orientiert und richtet sich an alle Altersgruppen. In Italien hingegen, denke ich, studieren wir auch viel medizinische Theorie, wie Neuropsychiatrie, Anatomie, Chemie oder die physiologische Entwicklung des Kindes.

Darüber hinaus ist mein Studiengang, wie ich bereits gesagt habe, nur für die Rehabilitation von Kindern im Alter von 0 bis 18 Jahren spezifisch. Im Gegensatz zu Therapeut*innen in Deutschland werden von uns keine erwachsenen Patient*innen behandelt. In Italien gibt es viel mehr Gesundheitsberufe als in Deutschland. Erwachsene Patient*innen werden je nach Krankheitsbild von bestimmten Personen beziehungsweise Therapeut*innen behandelt, zu denen auch Ergotherapeut*innen gehören, die sich jedoch vom den deutschen Ergotherapeut*innen unterscheiden.

"In Italien gibt es viel mehr Gesundheitsberufe als in Deutschland."

Darüber hinaus sind die Funktionsdiagnosen in Italien in Schulen und Gesundheitseinrichtungen weiter verbreitet als in Deutschland. Die Funktionsdiagnostik besteht in der 360°-Beobachtung des Kindes im Bereich der Verhaltens-, Spiel- und graphischen Entwicklung, im kognitiven Bereich, im kommunikativen und sprachlichen Bereich und im motorischen Bereich. Man identifiziert die Bereiche, in denen das Kind Schwierigkeiten in Bezug auf die chronologische Entwicklung für sein Alter hat. Dazu verwendet man oft standardisierte Tests. Nach der Auswertung dieser schreibt man ein Rehabilitationsprojekt, um diese Entwicklungsbereiche mit Defiziten zu entwickeln. Man arbeitet oft in Teams zusammen mit Sprachtherapeut*innen, Ärzt*innen, Psycholog*innen, Physiotherapeut*innen und so weiter.

Wie sind Sie darauf gekommen, ein Praktikum an der hsg Bochum zu machen?

Caruso: Ich hatte immer vor, ein Praktikum oder eine Arbeitszeit im Ausland zu absolvieren. Diese Idee entstand im Jahr 2017, in dem ich einen deutschen Studenten aus Bochum während seines Erasmusaufenthaltes in Rom traf. Er erzählte mir von Bochum und der Hochschule für Gesundheit und gab mir den Kontakt des International Office. Ich habe das Büro kontaktiert und Frau Kracheel hat mir geantwortet. Ab dann haben wir mein Praktikum, auch dank meiner Tutorin Frau Schüller, organisiert.

Welche Stationen hatte Ihr Praktikum?

Caruso: Wir haben versucht meine Qualifikationen so gut wie möglich zu berücksichtigen, um ein gutes Praktikum zu organisieren: Im ersten Teil meines Praktikums war ich vom Januar bis Mitte März in der ‚Vamed Klinik‘ in Hattingen. Hier konnte ich verschiedene Bereiche beobachten, darunter: Die Kinder- und Erwachsenenstation, Einzel- und Gruppentherapien, Treffen, Trainingsgruppen usw. Ich tauschte Rehabilitationsideen mit Therapeut*innen aus und konnte Gemeinsamkeiten und Unterschiede bei den Rehabilitationsansätzen feststellen.

Während des zweiten Teils meines Praktikums war ich Teil des Forschungsprojekts ‚THERESIAH‘ and er hsg Bochum. Während dieser Zeit führte ich eine Nachforschung für das Projekt durch und verfasste ein systematisches Review mit dem Titel ‚Können Handbewegungen die Prosodieentwicklung* fördern?‘ *(Anmerkung der Redaktion: Der Begriff Prosodie beschreibt, wie etwas gesagt wird)

Der dritte und letzte Teil des Praktikums bestand darin, eine Lehreinheit für Ergotherapie-Studierende der hsg Bochum vorzubereiten. Zusammen mit Frau Schüller stellten wir fest, dass eine Übung im Bereich der Neuropädiatrie eine gute Ergänzung des Curriculums wäre. Daher erstellte ich zwei Dokumente zur pädiatrischen, physiologischen Entwicklung von 0 bis 12 Monaten mit einer Bewertungsvorlage und der Aufgabe an die Studierenden auszuwerten, in welchen Entwicklungsbereichen das Kind im Vergleich zur normalen, chronologischen Entwicklung seines Alters zurückblieb. Darüber hinaus sollten sie über eine mögliche Therapie auf Grundlage der Kenntnis der physiologischen Entwicklungsstadien nachdenken.

Was war Ihre schönste Erfahrung während des Aufenthaltes in Deutschland?

Caruso: Es gibt keinen besten Moment, aber mehrere positive und glückliche Momente. Bestimmte Patient*innen und Therapeut*innen, die ich kennen gelernt habe, werden sicherlich in meinem Herzen bleiben. An die von Kolleg*innen der Klinik in Hattingen organisierte Karnevalsparty vor dem Lockdown werde ich immer sehr positiv zurückdenken. Fast alle von ihnen gingen als berühmte Sänger und es war ein wirklich schöner Abend für mich. Hier habe ich zum ersten Mal ‚deutsche Pizza‘ probiert.

Ich denke, die besten Momente sind mehr vor dem Lockdown. Als Therapeutin ist mir der soziale und menschliche Kontakt wichtig, er ist die treibende Kraft und das Wesen meines Jobs. Während des Lockdowns gab es wenige dieser Momente. Ich hatte jedoch den Vorteil des Kontakts zu meinen beiden Tutor*innen und ihr positives Feedback ließ mich als Therapeutin und als Person wachsen.

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Videokonfernzen wie diese - mit ihren Praktikumsbetreuer*innen BenjaminTschuschke (Projekt THERESIA), Nicole Kracheel (International Office) und Annette Schüller (Betreuung des Gesamtpraktikums) - gehörten für Roberta Crauso bei dem digitalen Teil ihres Praktikum zum Alltag. Foto: hsg Bochum

Wie hat die Situation um das Corona-Virus ihr Praktikum beeinträchtigt?

Caruso: Mein Praktikum sollte vom 13. Januar 2020 bis zum 1. Mai 2020 dauern. Von Mitte März bis zum 28. April wurde meine Tätigkeit jedoch eingestellt. Während dieser Zeit blieb ich in Bochum und nutzte diese Zeit, um Deutsch zu lernen und freiwillig einige Kurse auf Englisch an der der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe (EvH) zu besuchen, die ursprünglich im Rahmen des ‚Internationalen Studienprogramms‘ in Kooperation mit der hsg Bochum durchgeführt werden sollten, in diesem Jahr aber nur von der EvH angeboten werden konnten. Nach dem 28. April konnte ich mein Praktikum digital fortsetzen.

Ich hatte aufgrund der Pandemie kein Problem. Es tut mir leid, dass ich meine Kolleg*innen oder andere Studierende an der Universität nicht getroffen habe und in dieser Zeit nicht an sozialen Aktivitäten teilnehmen konnte. Es tut mir auch leid, dass ich an Ostern nicht zu Hause war. Ich kann also sagen, dass ich während der Pandemie eher soziale Einschränkungen hatte, aber trotzdem mein Praktikum fast so abgeschlossen und durchgeführt wurde, wie wir es geplant hatten. Zusammen mit Frau Schüller haben wir die Frist bis zum 9. Juni verlängert und so konnte ich die Aktivitäten problemlos durchführen, aber nur online.

Die Pandemie hat auf globaler Ebene mehrere Probleme verursacht, weshalb ich mich auch glücklich schätze in einem Land wie Deutschland gewesen zu sein und hoffe, dass ich den sozialen Teil nachholen kann. Zum Abschluss dieses Interviews möchte ich alle Studierenden der hsg Bochum grüßen. Ich hoffe, dass sie ihren Beruf lieben werden und nie aufhören zu lernen. Ich möchte jeden ermutigen, ein Erasmuspraktikum zu machen, denn es ist sicherlich eine Erfahrung, die jeden Menschen in seinem Leben weiterbringt.


Text: Das Interview führte Judith Merkelt-Jedamzik, Online-Redakteurin des hsg-magazins. Der Text erschien am 10. Juni 2020 im hsg-magazin.

Aufmacher: Das Bild zeigt Roberta Caruso in ihrer Heimat Italien. Foto: privat

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