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DAS ONLINE-MAGAZIN DER HOCHSCHULE FÜR GESUNDHEIT IN BOCHUM

Hand in Hand arbeiten

Herr Simon ist 83 Jahre alt und kürzlich gestürzt. Im Krankenhaus wurden keine Knochenbrüche festgestellt, aber die Tests ergaben mehrere altersbezogene Einschränkungen bei dem Rentner. So ist Herr Simon schon seit längerem nicht mehr sicher auf den Beinen und auch schon mehrfach gestürzt. Außerdem berichtet seine Lebensgefährtin, dass er zunehmend wortkarg wird und sich immer weiter in sich zurückzieht. Nach seinem Sturz wird Herr Simon für zwei Wochen in eine Tagesklinik eingewiesen. Dort wird er von Ärzt*innen, Pflegekräften und Therapeut*innen betreut, die alle daran arbeiten, dass Herr Simon schnell wieder auf die Beine kommt. Wie die verschiedenen Gesundheitsberufe in solchen Situationen am besten miteinander kommunizieren, lernen die Studierenden an der Hochschule für Gesundheit (hsg Bochum) bereits während des Studiums.

Im Sommersemester 2019 ist ein neues Modul an der hsg Bochum gestartet, das genau diese Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Gesundheitsberufen zum Thema hat. In den ‚Interprofessionellen Fallkonferenzen‘ lernen die Studierenden der Studiengänge Physiotherapie, Logopädie, Ergotherapie, Hebammenkunde und Pflege, wie die jeweils anderen Professionen arbeiten und welche Herausforderungen die Arbeit in einem interprofessionellen Team mit sich bringt.

Dieses Wissen wird durch die Übung an Simulationspersonen, die von Schauspieler*innen dargestellt werden, vermittelt. Am ersten Tag wurde die Gruppe der hsg-Studierenden außerdem durch Studierende der Medizinischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum ergänzt. Gemeinsam diskutierten insgesamt 450 Teilnehmer*innen der beiden Hochschulen gemeinsam über die drei Beispielfälle aus den Bereichen Geriatrie, Pädiatrie und Gestationsdiabetes (Schwangerschaftsdiabetes). Der Fall von Herrn Simon ist einer der drei Fälle, die die Studierenden über die gesamte Zeit der viertägigen Blockveranstaltung begleitet.

Zwei Schauspieler und eine Rolle

In interprofessionellen Kleingruppen bearbeiteten die Studierenden gemeinsam die Fälle der Beispielpatient*innen und Klient*innen und betrachteten deren Krankengeschichte aus verschiedenen Blickwinkeln. Sie haben zum Beispiel Herrn Simon zuerst zu seiner Logopädie-Therapieeinheit begleitet und ihn dann anschließend bei der Physiotherapie wiedergesehen. Gespielt wurde der Patient dabei von zwei verschiedenen Schauspielern. Die Lehrenden der einzelnen Studiengänge führten an den Simulationspersonen vor, wie sie einen entsprechenden Fall in der Praxis behandeln würden und die Studierenden konnten sich darüber austauschen, was Sie an dem Fall beobachten haben.

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Durch die Glasscheibe können die Studierenden die Anamnesesituation genau beobachten. Foto: hsg Bochum/Judith Merkelt-Jedamzik

Die Simulationspersonen bekommen für ihren Auftritt ein richtiges Drehbuch, in dem genau steht, welche medizinische Vorgeschichte sie haben und wie sie die einzelnen Symptome darstellen müssen. Ein bisschen künstlerische Freiheit ist aber auch dabei. So hat der erste „Herr Simon“ am Morgen bei seiner Logopädie-Sitzung noch eine ‚Ruhrpottschnauze‘, die es seiner behandelnden Logopädin nicht gerade einfach macht, zu erkennen, ob Herr Simon nach dem Sturz unter Sprachstörungen leidet. Der 43-jährige Laienschauspieler Hendrik Neukäter spielt den ersten Herrn Simon mit großer Überzeugungskraft. Sogar eine Schiebermütze hat er sich mitgebracht, um sich besser in die Rolle einzufinden. Herr Neukäter weiß genau worauf es bei Simulationspersonen ankommt: „Für so eine Rolle braucht es viel Vorbereitung. Ich lerne die Fehler, die ich bei dem medizinischen Test machen soll, genauso auswendig wie einen richtigen Text. Da soll schließlich nichts schiefgehen“, erzählt er.

Interprofessionelles Handeln braucht gute Kommunikation

Die gute Vorbereitung des Laienschauspielers zahlt sich aus: Die Studierenden diskutieren rege darüber, wie Herrn Simon geholfen werden kann. Besonders wichtig ist dabei die Erkenntnis, wie die einzelnen Gesundheitsberufe bei der Betreuung von Patient*innen und Klient*innen ineinandergreifen. Im Fall von Herrn Simon hatte beispielsweise die Pflege in der Tagesklinik beobachtet, dass der ältere Mann beim Essen immer wieder hustet. Diese Information nutzt die Logopädie-Vertretungsprofessorin Dr. Hendrike Frieg jetzt und untersucht gezielt, ob Herr Simon Probleme beim Schlucken hat. „Die Studierenden merken, was ich beobachte, ist wichtig und ich sollte es weitergeben, damit die anderen Therapeut*innen und Pfleger*innen darauf reagieren können“, erzählt Hendrike Frieg, die für die Veranstaltung Herrn Simons Logopädin mimt.

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Die Pflegekräfte haben berichtet, dass Herr Simon beim Trinken immer wieder Husten muss. Seine Logopädin Hendrike Frieg geht der Sache auf den Grund. Foto: hsg Bochum/Judith Merkelt-Jedamzik

Im Physiotherapie-Raum der hsg Bochum begegnet die nächste Gruppe einem ganz anderen Herr Simon. Der zweite Herr Simon wird von einem 81-jährigen Laienschauspieler verkörpert. „Wir haben großes Glück, dass wir eine ältere Person für die Rolle gewinnen konnten“, meint Marietta Handgraaf, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Studienbereich Physiotherapie an der hsg Bochum. „Für gewöhnlich sind es jüngere Leute, die sich als Simulationspatient*innen zur Verfügung stellen. Die körperlichen Beschwerden des Alters kann ein älterer Mensch aber einfach glaubwürdiger darstellen“, findet sie. Auch der zweite Herr Simon ist sehr überzeugend in seiner Rolle. Gekonnt meistert er die physiotherapeutischen Tests, die die Studierenden mit ihm durchführen und stellt die Stolperfallen, mit denen auch der 83-jährige Herr Simon zu kämpfen hätte, gut dar.

Wichtiges Thema: Standardisierung

„Eigentlich ist unser Schauspieler viel aktiver als sein fiktiver Charakter“, erzählt Handgraaf. „Aber trotzdem habe ich ihm auch ein paar Übungen mit nach Hause gegeben, damit er auch weiter so fit bleibt. So haben wir beide etwas von diesem Tag“, verrät sie. Beim interprofessionellen Lernen ist ihr besonders wichtig, die Studierenden für das Thema Standardisierung bei physiotherapeutischen Untersuchungen zu sensibilisieren. Deswegen stoppt nicht nur einer der Studierenden die Zeit, die Herr Simon braucht, um eine vorgegebene Strecke zu laufen, sondern alle. Der Test nennt sich ‚Timed up and go Test‘ (TUG) und dient dazu die Mobilität von älteren Menschen einzuschätzen. Im Anschluss diskutieren die Studierenden dann, wie sie einen korrekten Mittelwert aus den gemessenen Ergebnissen festlegen und welche Messungenauigkeiten sich bei diesem Test einschleichen könnten.

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Die Studierenden verfolgen aufmerksam, ob ihnen etwas am Gang des 83-jährigen 'Herrn Simon' auffällt. Foto: hsg Bochum/Judith Merkelt-Jedamzik

Am dritten und vierten Tag des Blockseminars beschäftigen sich die Studierenden dann noch einmal genauer mit den Beobachtungen aus den Fallbeispielen. Sie erstellen Interventionsplanungen, bei denen sie überlegen sollen, wie man den Simulationspersonen am besten helfen könnte und wie sie dabei die anderen Professionen mit einbeziehen könnten. „In meiner Gruppe wurde der Fall eines kleinen Jungen besprochen, der eine Wahrnehmungsstörung hat. Dabei sind uns viele Parallelen zwischen der physiotherapeutischen und der ergotherapeutischen Therapie aufgefallen. Einige der vorgeschlagenen Übungen könnte man gut miteinander kombinieren“, erzählt Mareike S., Studentin der Ergotherapie. „Es ist besonders wichtig, dass man die Therapien und deren Reihenfolge gemeinsam plant, um solche Synergieeffekte nutzen zu können“ meint die hsg-Studentin.

Hürden für die Zusammenarbeit

Dass eine Kooperation zwischen den Gesundheitsberufen in der Praxis nicht immer einfach ist, wurde ebenfalls während des Seminars diskutiert. „Ich weiß, dass der therapeutische Alltag sehr eng getaktet ist und dass dann manchmal einfach die Zeit fehlt, sich mit anderen Professionen abzustimmen“, meint Sophia E., ebenfalls Studentin der Ergotherapie. „Deshalb würde ich mir wünschen, dass die interprofessionelle Zusammenarbeit auch auf politischer Ebene mehr Anerkennung findet und man zum Beispiel ein besseres Abrechnungssystem für diese Kooperationen einführt“, fügt sie hinzu.

"Anerkennung für Interpofessionalität auf politischer Ebene nötig" (Sophia E.)

In einem Kooperationsprojekt mit der Medizinischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum (RUB) hatte die hsg Bochum bereits seit 2014 Studientage zum Arbeiten in einem interprofessionellen Team probeweise angeboten. Das Projekt ‚Interprofessionelles Handeln im Gesundheitswesen‘ (IPHiGen) wurde bis 2018 über zwei Förderperioden hinweg von der Robert-Bosch-Stiftung gefördert. Ziel der zweiten Förderperiode war es, das Interprofessionelle Lernen im Curriculum der Bachelorstudiengänge an der hsg Bochum zu verankern. Dieses Ziel wurde nun erreicht: Zum Sommersemester 2019 wurde das neue Modul ‚Interprofessionelle Fallkonferenzen‘ fest im Lehrplan der hsg Bochum integriert.


Text: Judith Merkelt-Jedamzik, Online-Redakteurin des hsg-magazins. Der Text erschien am 11. Juni 2019 im hsg-magazin.

Aufmacher: Das Bild zeigt eine der Simulationspersonen während der Interprofessionellen Fallkonferenzen. Links im Bild zusehen ist Marietta Handgraaf. Foto: hsg Bochum/Judith Merkelt-Jedamzik

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