
Hebamme werden – die wichtigsten Fragen
Wer Hebamme werden möchte, muss zukünftig studieren. An der Hochschule für Gesundheit in Bochum startet zum Wintersemester 2021/2022 der neue Bachelorstudiengang Hebammenwissenschaft . Die wichtigsten Fragen dazu beantworten hier die programmverantwortlichen Professorinnen Dr. Martina Schlüter-Cruse und Dr. Nicola H. Bauer.

Wie wird man Hebamme?
Schlüter-Cruse: „Mittelfristig wird es nur noch einen Weg geben: das duale Studium. Denn mit dem neuen Hebammengesetz werden die fachschulische Hebammenausbildung und bisherige Modellvorhaben durch das duale Studium abgelöst. Noch bis Ende 2022 können Bewerber*innen zwischen fachschulischer Ausbildung und hochschulischem Studium wählen, auch werden Ausbildung und Studium, die auf der Grundlage des alten Gesetzes begonnen wurden, noch bis 2027 zu Ende geführt. Nach diesen Übergangsfristen führt der Weg zur Hebamme ausschließlich durch ein hebammenwissenschaftliches Studium.
An der Hochschule für Gesundheit sind wir seit 2010/2011 im Bereich der hochschulischen Bildung von Hebammen führend. Der neue Studiengang Hebammenwissenschaft ersetzt zum Wintersemester 2021/22 den aktuellen Studiengang Hebammenkunde. Dabei bauen wir auf unsere langjährige Erfahrung, die hervorragende Ausstattung und die erfolgreiche Zusammenarbeit mit unseren Praxispartner*innen in Klinik und Außerklinik auf.“
Was sind die Zulassungsvoraussetzungen?
Schlüter-Cruse: „Allgemeine Hochschulreife oder Fachhochschulreife. Darüber hinaus ist eine gesundheitliche Eignung erforderlich, die durch ein Gesundheitszeugnis nachgewiesen wird. Im Zuge der Einschreibung an der Hochschule ist ein eintragsfreies, erweitertes Führungszeugnis vorzulegen. Für Bewerber*innen, die ihre Hochschulzugangsberechtigung nicht in Deutschland oder an einer deutschen Schule im Ausland erworben haben, ist als weitere Zugangsvoraussetzung der Nachweis von ausreichenden Deutschkenntnissen erforderlich.
Ist auch ein Quereinstieg möglich?
Bauer: „Ja! Das ist die Besonderheit bei uns. Wir vergeben 20 Prozent der 44 Studienplätze pro Semester bewusst an beruflich Qualifizierte. So haben auch Personen mit Mittlerer Reife und abgeschlossenem Berufsausbildung die Möglichkeit, über eine Prüfung den Hochschulzugang zu erwerben.“
Wie ist das Studium gegliedert?
Schlüter-Cruse: „Theoriephasen an der Hochschule wechseln sich mit Praxisphasen bei unseren Kooperationspartnern – darunter Kliniken in Nordrhein-Westfalen (NRW), aber auch außerklinische Hebammen bundesweit – ab. Dabei sind Theorie und Praxis curricular eng miteinander verzahnt. In den praktischen Studienphasen werden die Studierenden sowohl durch Praxisanleiter*innen in den Einsatzorten als auch durch Praxisbegleiter*innen der Hochschule im Lernprozess systematisch unterstützt. Nach sieben Semestern erwerben die Studierenden den akademischen Abschluss ‚Bachelor of Science Hebammenwissenschaft‘ und damit auch die Erlaubnis zum Führen der Berufsbezeichnung Hebamme.“
Wie praxisnah ist das Studium?
Bauer: „Sehr praxisnah – sowohl an der Hochschule als auch bei den Praxispartnern. Im dritten Semester, dem Praxissemester, besteht die Möglichkeit, den zwölfwöchigen außerklinischen Einsatz am Stück oder auch in zwei Teilen zu machen, gerne auch im Ausland. An der Hochschule gibt es als Bindeglied zwischen Theorie und Praxis unsere Skills-Labs und Simulationstrainings, bei denen wir mit Simulatoren/Modellen, aber auch mit Schauspielpatient*innen arbeiten. Außerdem bekommen unsere Studierenden statt ausschließlich klassischer Vorlesungen ab dem ersten Semester Fälle, an denen sie in kleinen Gruppen arbeiten – das ist das Problembased Learning.“
Welche Rolle spielt Vielfalt?
Bauer: „Diversität ist bei uns sehr wichtig. Wir möchten Studierende aus allen Kulturkreisen ansprechen, denn gerade wenn wir uns das Ruhrgebiet oder Nordrhein-Westfalen (NRW) anschauen, haben circa 40 Prozent der Frauen, die in Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett begleitet werden, einen anderen kulturellen Hintergrund. Das sollte sich auch in der Hebammenschaft abbilden.“
Können sich auch Männer bewerben?
Schlüter-Cruse: „Natürlich. Wir haben auch Bewerbungen von Männern und aktuell einen männlichen Studierenden im nachqualifizierenden Studiengang Hebammenkunde. Wenn man international schaut, gibt es viele Länder, in denen es deutlich mehr männliche Hebammen gibt.“
Wird das duale Studium vergütet?
Schlüter-Cruse: „Ja. Die Studierenden an unserer Hochschule schließen, nachdem ihnen der Studienplatz zugesagt wird, einen Kooperationsvertrag mit einem der klinischen Praxispartner ab. Von diesem erhalten sie während des Studiums eine monatliche Vergütung.“
Wie sieht der Abschluss aus?
Bauer: „Die Prüfungen werden in Form von Modulprüfungen am Ende des sechsten und siebten Semesters absolviert. Ganz am Ende kommt im siebten Semester die Bachelorarbeit. Die praktische Geburtsprüfung findet künftig im Rahmen einer Simulation an der Hochschule statt. Bislang wurde sie im Kreißsaal abgenommen – an einer gebärenden Frau. Das wird es nicht mehr geben. Das freut uns, denn neben der schwierigen ethischen Komponente, waren auch die Bedingungen in den verschiedenen Kliniken nie gleich, denn jede Geburt ist anders.“
Warum wird die Ausbildung akademisiert?
Schlüter-Cruse: „Um auch international anschlussfähig zu bleiben. Eine Richtlinie der Europäischen Union fordert seit 2013, die Hebammenausbildung europaweit zu vereinheitlichen, damit Berufsabschlüsse überall im Europäischen Raum gegenseitig anerkannt werden. Mit dem Inkrafttreten des neuen Hebammengesetzes ist diese Umsetzung nun endlich erfolgt. Außerdem sind die Anforderungen in der Versorgungspraxis deutlich komplexer geworden. Und: Mit der Akademisierung ermöglichen wir gut qualifizierten Absolvent*innen, die früher in einer Bildungssackgasse gelandet wären, neue Karrierewege.“
