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Lernen trotz Depressionen

Der 30-jährige Vladislav Seifert gehört zu den Studierenden des Bachelorstudiengangs ‚Gesundheit und Diversity‘ der Hochschule für Gesundheit (hsg). Er kommt gebürtig aus einem anderen Land. Der Zugang zur Bildung war für ihn erschwert – und er leidet unter Depressionen. Was ‚Diversity‘ bedeutet, weiß er aus eigener Erfahrung.

Wenn er seine Geschichte erzählt, dann macht er keinen Halt vor unangenehmen Themen. Und er lacht viel, wenn er spricht. Dass Seifert, der so offen und lebensfroh erscheint, auch immer mal wieder mit Depressionen zu kämpfen hat, kann man sich an Tagen wie diesen kaum vorstellen. Was die Krankheit mit einem macht, können sich viele ausmalen, haben einige vielleicht sogar selber schon erlebt – aber kaum jemand spricht darüber. Seifert möchte das Thema enttabuisieren und anderen Betroffenen Mut machen. Daher spricht er ganz unverschleiert über seine bisherigen Erfahrungen mit den Depressionen, wie die Krankheit bisher sein Leben beeinflusst hat und was ihm im Kampf mit den Depressionen hilft.

Von Kasachstan nach Deutschland

Angefangen hat seine persönliche Geschichte ganz weit weg: Bis er elf Jahre alt ist, lebt Seifert mit seinen Eltern und seinen drei Schwestern in Kasachstan, nah an der Grenze zu China. Als sich seine Familie auf den Weg nach Deutschland macht, verlässt er auch sein vertrautes Leben. Zwar haben seine Eltern etwas Deutsch gesprochen, weil Vorfahren hierher kamen, ihm selber ist die Sprache jedoch nicht vertraut. „Mehr als ‚guten Tag‘ konnte ich eigentlich bis ich 11 Jahre alt war nicht sagen“, erinnert sich der heute 30-Jährige.

Als er in die fünfte Klasse einer Hauptschule in Essen aufgenommen wird, lernt er die Sprache gezwungener Maßen sehr schnell. Weil die Familie zwei Jahre später ihre Notunterkunft in der Stadt Essen verlassen und in eine Mietwohnung ziehen kann, muss Seifert die Hauptschule wechseln. Später schafft er es auch noch auf eine Gesamtschule, hält bis zur 12. Stufe durch. Doch als er mit 18 Jahren aufgrund familiärer Probleme von Zuhause auszieht, brechen seine Leistungen ein und er beschließt, die Schule abzubrechen. „Aber vermutlich war ich damals noch nicht reif genug, um alleine zu wohnen, und konnte auch noch nicht wirklich gut mit Geld umgehen“, reflektiert Seifert rückblickend.

Auf Umwegen

„Neben den finanziellen Problemen hat mir auch die fehlende Unterstützung von meinen Eltern zu schaffen gemacht“, berichtet Seifert, der mittlerweile wieder eine stabilisierte Bindung zu seiner Familie hat. Es sei damals nicht so gewesen, dass seine verschiedenen Probleme alle auf einmal kamen. „Das war eher wie ein Strudel, der mich immer tiefer gezogen hat.“ Negative Gedanken häufen sich und er bekommt Selbstzweifel. „Und wenn man einmal vom Weg abkommt, dann ist es schwer, wieder auf die normale Spur zu gelangen“, weiß der Student inzwischen.

Er versuchte noch einen weiteren Anlauf, bemühte sich an der Berufsschule einen höheren Bildungsabschluss zu bekommen. Aber nach einem Jahr gibt er wieder auf: „Es ging einfach nicht.“ Inzwischen weiß er, was ihn immer wieder von einem schnurgeraden Erfolgsweg abbringt: Er leidet unter Depressionen. Die erschweren ihm zwar immer wieder einen beruflichen Erfolg, machen ihn aber nicht gänzlich unmöglich: Er macht ein Jahrespraktikum beim Sport- und Gesundheitszentrum Nord-Ost-Bad in Essen und blüht immer mehr auf. Danach wird ihm dort ein Ausbildungsplatz angeboten und er wird Sport- und Fitnesskaufmann. An der Verantwortung, die ihm während der Ausbildung immer mehr übertragen wird, wächst er.

„Nach der Ausbildung habe ich mir mal angeschaut, was es für Studiengänge gibt. Und als ich von ‚Gesundheit und Diversity‘ gelesen habe, war mir direkt klar, dass das richtig für mich ist.“

Trotz Stolpersteinen zum Erfolg

„In meiner Karriere habe ich ja wirklich immer nur ganz kleine Schritte gemacht“, bewertet Seifert seinen beruflichen Weg. Doch auch mit kleinen Schritten ist er schließlich zum Erfolg gekommen: Inzwischen studiert er ‚Gesundheit und Diversity‘ an der hsg. Dass er einmal studiert, hätte er früher nicht gedacht. Doch sein Herz hat ihn genau hierhin geführt: „Nach der Ausbildung habe ich mir mal angeschaut, was es für Studiengänge gibt. Und als ich von ‚Gesundheit und Diversity‘ gelesen habe, war mir direkt klar, dass das richtig für mich ist.“ Kurz hat er überlegt, ob er vielleicht schon zu alt ist, um ein Studium zu beginnen. „Aber derartige Gedanken sollte man sich gar nicht erst machen. Wer überlegt, ob er schon zu alt für ein Studium ist, dem würde ich gerne sagen: ‚Nein, bist du bestimmt nicht.‘“

Inzwischen ist Seifert im dritten Semester an der hsg. Nach seinem Bachelorabschluss möchte er vielleicht noch ein Masterstudium absolvieren. „Beruflich würde ich dann gerne etwas mit Jugendlichen machen. Ich möchte ihnen gerne helfen. Vielleicht bei der Arbeitsvermittlung“, überlegt Seifert. Denn dass ein beruflicher Weg auch mit Stolpersteinen erfolgreich gegangen werden kann, hat er selber bewiesen. Nun möchte er anderen auf ihrem Weg helfen. Da ihn das Thema besonders interessiert, hat er auch schon eine wissenschaftliche Hausarbeit über ‚Arbeitslosigkeit und ihre negativen Auswirkungen auf die Gesundheit‘ geschrieben. „Dadurch, dass ich mich in meinem Studium mit Problemen beschäftige, die ich zum Teil schon selber erlebt habe, ist das Studium für mich auch irgendwie wie eine Reflexion meines bisherigen Lebens und eine Möglichkeit der Verarbeitung“, sagt der Wahl-Essener und lacht. An der hsg schätzt er vor allem den engen Kontakt zu den Lehrenden. „Hier ist man kein anonymer Student, sondern bekommt immer Feedback, wenn man es möchte“, berichtet er.

Depressionen bekämpfen

Auch wenn es ihm gerade gut geht, sind die Depressionen immer noch ein Teil von ihm. „Depressionen sind eine sehr komplizierte Krankheit. Wenn man selber betroffen ist, sollte man sich darüber informieren, was dann mit einem passiert und man sollte sich natürlich in ärztliche Behandlung geben. Außerdem sollte man den Depressionen etwas entgegensetzen. Mir hilft dabei zum Beispiel sehr gut Sport oder auch mein Glaube“, erzählt der Christ. „In schwierigen Zeiten hat mir mein Glaube oft geholfen, die Zukunft nicht ganz so schwarz zu sehen und meine negative Denkspirale unterbrochen.“ Außerdem ist seiner Meinung nach wichtig, dass das Umfeld von der Krankheit weiß. „Denn nur so haben die andere Leute eine Chance, einen zu verstehen, wenn man wieder eine depressive Episode hat. Und nur so wenden sie sich nicht genau dann von einem ab, wenn man sie am meisten braucht.“


Text: Dr. Anna Knaup, Online-Redakteurin des hsg-magazins
Aufmacher: hsg

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