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DAS ONLINE-MAGAZIN DER HOCHSCHULE FÜR GESUNDHEIT IN BOCHUM

Menschen mit geistiger Behinderung sollen an der Hochschule lehren

Die Expertise von Menschen mit Behinderungen in eigener Sache nutzten, das will das Projekt ‚Inklusive Bildung NRW‘. Dabei sollen Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung zu Bildungsfachkräften ausgebildet werden, um dann in der Bildungsarbeit an Hochschulen eingesetzt zu werden. Gestartet ist das Projekt 2013 am Standort Kiel. Doch inzwischen gibt es auch einen Ableger des Projektes in Nordrhein-Westfalen. Seit dem 1. April 2019 werden sechs Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung in den Räumlichkeiten der TH-Köln ausgebildet. Die Hochschule für Gesundheit (hsg Bochum) ist eine der ersten Hochschulen in NRW, die die Bildungsfachkräfte in die Lehre integrieren möchte.  Dr. Fabian van Essen, der bis 2018 die Professur für Behinderung und Inklusion im Department of Community Health der hsg vertreten hat, hat das Projekt an die hsg Bochum gebracht. Prof. Dr. habil. Heike Köckler begleitet das Projekt von Anfang an in ihrer Funktion als Dekanin. Als Professor für ‚Behinderung und Inklusion‘ gestaltet Dr. Christian Walter-Klose seit Oktober 2018 das Projekt inhaltlich mit. Außerdem wurde Thomas Müller als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Department of Community Health angestellt, um das Projekt an der hsg Bochum zu verankern. Im Interview mit dem hsg-magazin erzählt Müller, wie er zu dem Projekt gekommen ist und vor welchen Herausforderungen er nun steht.

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Thomas Müller koordiniert das Projekt 'Inklusive Bildung' an der hsg Bochum. Foto: hsg Bochum/Judith Merkelt-Jedamzik

Worum geht es bei dem Projekt ‚Inklusive Bildung‘ genau?

Thomas Müller: Grundsätzlich geht es darum, dass das Institut für Inklusive Bildung NRW Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung die ehemals in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung gearbeitet haben, in einer dreijährigen Ausbildung zu Bildungsfachkräften qualifizieren möchte. Das bedeutet, dass die angehenden Bildungsfachkräfte während ihrer Ausbildung in Vollzeit an einer Qualifizierungsmaßnahme am Standort in Köln teilnehmen, wo ihnen beigebracht wird, wie man zum einen Lehrveranstaltungen gestaltet und individuell plant und zum anderen wird dabei auch auf Themen wie Teilhabe, Arbeit, Bildung und Gesundheit eingegangen. Es geht darum, diese Inhalte später aus der eigenen Lebensperspektive an Studierende zu vermitteln.

Und was ist Ihre Aufgabe in diesem Projekt?

Müller: Meine Aufgabe ist die Schnittstellenfunktion zwischen dem Institut für Inklusive Bildung NRW in Köln, dem Institut für Inklusive Bildung in Kiel und der hsg Bochum. Also ich bin quasi der Vermittler zwischen diesen drei Standorten in allen Fragen die die Planung an der hsg betreffen. Dabei ist meine Hauptaufgabe, zu schauen, wie man die Lehre an der hsg durch diese Bildungsfachkräfte bereichern kann und wie es sich in die einzelnen Studiengänge der Hochschule integrieren lässt. Das heißt, ich kümmere mich darum, wie das ganze aus verwaltungstechnischer Sicht funktioniert – also wie lassen sich Lehrveranstaltungen finanzieren und organisieren und wie können Angebote von Bildungsfachkräfte gut in bestehende Lehrveranstaltungen eingebunden werden.

Wie sind Sie überhaupt zu der Stelle an der hsg Bochum gekommen?

Müller: Ich habe – bevor ich den Job an der Hochschule für Gesundheit angetreten habe – den Bachelor-Studiengang ‚Gesundheit und Diversity‘ an der hsg Bochum studiert. Dort hatte ich auch den Schwerpunkt ‚Behinderung und Inklusion‘ – das Thema hat sich also als Schwerpunkt durch mein ganzes Studium gezogen. Das Thema Inklusion hat mich aber schon immer interessiert. Deshalb habe ich vor dem Studium auch schon einen Bundesfreiwilligendienst im Bereich Behindertenhilfe gemacht.

"Das Thema Inklusion hat mich schon immer interessiert"

Im Laufe des Studiums habe ich dann das Projekt ‚Inklusive Bildung‘ in Kiel kennengelernt. Wir haben damals eine Exkursion nach Kiel gemacht und die Bildungsfachkräfte vor Ort kennengelernt. Das ganze Projekt hat mir auf Anhieb gefallen und so habe ich auch meine Bachelorarbeit zu einem ähnlichen Thema geschrieben. Dabei ging es um die Frage wie man partizipative Forschung mit Menschen mit Behinderungen an Hochschulen umsetzten könnte.

Welche Inhalte aus Ihrem Studium können Sie jetzt in ihrer Arbeit anwenden?

Müller: Natürlich kommt mir mein Wissen über das Thema Behinderung – das ich im Studium erworben haben – jetzt zu Gute. Also vor allem wenn es um die Frage geht, welche Bedürfnisse und Bedarfe Menschen mit Behinderung haben und wo es Sinn macht, die Bildungsfachkräfte einzusetzen – das hilft mir schon sehr. Außerdem geht es auch um die Frage, warum es Sinn macht, die Bildungsfachkräfte gerade an der hsg einzusetzen. Wir als Hochschule für Gesundheit sind noch ein absolutes Novum – sonst sind die Bildungsfachkräfte eher in den typischen sozialwissenschaftlichen Studiengängen wie Heilpädagogik, Sonderpädagogik oder Soziale Arbeit tätig. In den Gesundheitsberufen können die Bildungsfachkräfte verstärkt dazu beitragen, dass Studierende die gesellschaftliche und soziale Lebenswelt von Menschen mit sogenannten geistigen Behinderungen praktisch kennenlernen und das sie als angehende Gesundheitsfach- und Führungskräfte für die Belange von Menschen mit Behinderungen sensibilisiert werden. Daher ist diese Schnittstelle zwischen den Themen Behinderung, Inklusion und Gesundheit auch so spannend und passt auch absolut zu dem Studiengang Gesundheit und Diversity.

Wie könnte der Einsatz der Bildungsfachkräfte später an der hsg Bochum aussehen?

Müller: Während der Qualifikationsphase finden die meisten Veranstaltungen erst einmal an der TH Köln statt. Später sollen sie dann auch an die hsg kommen. Das werden dann wahrscheinlich zunächst einzelne Lehrveranstaltungen sein. Das kommt auch darauf an, wie weit die einzelnen Bildungsfachkräfte dann in ihrer Entwicklung sind. Die ersten Veranstaltungen werden im Department of Community Health – im Studiengang Gesundheit und Diversity sowie Gesundheit und Sozialraum – stattfinden. Ziel ist es dann aber auch, das Projekt für die anderen Studiengänge und Departments zu öffnen und individuell zu schauen, welcher Studiengang das Angebot in welcher Form nutzen möchte. Das kann eine einzelne Vorlesung sein, zu der die Bildungsfachkräfte eingeladen werden oder eine ganze Seminarreihe.

Was bedeutet dieses Projekt für die angehenden Bildungsfachkräfte?

Müller: Für die Bildungsfachkräfte bedeutet das Projekt, dass sie aus dem Schon- und Schutzraum der Werkstatt herauskommen, sich beruflich weiterqualifizieren und durch die Arbeit an Hochschulen auch in der Gesellschaft präsenter sind und einen persönlichen Beitrag durch die Bildungsarbeit leisten können. Das Ziel ist letztendlich, dass sie nach dieser Ausbildung einer Tätigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt nachkommen. Geplant ist, dass das Institut für Inklusive Bildung in NRW ein Inklusionsunternehmen werden soll, in dem die Menschen mit Behinderung dann eine Festanstellung haben. Das ist etwas Besonderes, denn Menschen mit einer Behinderung sind in der Regel in Werkstätten tätig und haben – gerade wenn sie eine sogenannte geistige Behinderung haben – kaum eine Möglichkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt zu kommen. Für die angehenden Bildungsfachkräfte bedeutet das auch eine Möglichkeit zur persönlichen Entwicklung. Manche ziehen für das Projekt in die erste eigene Wohnung und werden so selbstständiger – das sind zumindest die Erfahrungen aus dem Projekt in Kiel.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Projektes?

Müller: Das langfristige Ziel ist es natürlich, dass wir die Bildungsfachkräfte dauerhaft in der Lehre integrieren und das Projekt in den Curricula verankern können. Damit es zur Selbstverständlichkeit wird, dass hier an der hsg auch Menschen mit einer Behinderung in der Lehre aktiv sind. Wenn man noch etwas weiterdenkt, könnte man auch überlegen, ob man für das Projekt Kooperationen mit anderen Hochschulen eingeht. Das könnten zum Beispiel gemeinsame Lehrveranstaltungen zusammen mit Jurastudierenden, angehenden Ingenieur*innen oder Mediziner*innen zu Querschnittsthemen sein. Und wenn man dann noch einen Schritt weitergeht, könnte man noch überlegen, wie man Menschen mit sogenannten geistigen Behinderungen in die Forschung integrieren könnte.


Text: Das Interview führte Judith Merkelt-Jedamzik, Online-Redakteurin des hsg-magazins. Der Text erschien am 9. Mai 2019 im hsg-magazin.

Aufmacher: Das Bild zeigt die angehenden Bildungsfachkräfte im Projekt „Inklusive Bildung NRW“. Foto: Uwe Weiser / LVR

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