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DAS ONLINE-MAGAZIN DER HOCHSCHULE FÜR GESUNDHEIT IN BOCHUM

Was ist eine Advanced Practice Nurse?

Valeska Stephanow ist Teil eines Teams, das den Bereich der wissenschaftlichen Weiterbildung an der Hochschule für Gesundheit (hsg Bochum) aufbaut: Im Rahmen des BMBF-Projekts „Aufbau berufsbegleitender Studienangebote in den Pflege- und Gesundheitswissenschaften (PuG)“ entwickelt sie den weiterbildenden Masterstudiengang „Advanced Nursing Practice (ANP)“. Dieser startet zusammen mit dem weiterbildenden Masterstudiengang „Evidenzbasierte Logopädie (EviLog)“ im Wintersemester 2020/2021. Im Interview erklärt sie, warum die Rolle der Advanced Practice Nurse (APN) für den Bereich Pflege wichtig ist und was diese ausmacht.

Was verbirgt sich eigentlich hinter APN bzw. ANP?

Valeska Stephanow: APN steht für „Advanced Practice Nurse“ und beschreibt Pflegefachkräfte mit einem erweiterten Rollenprofil, die in der direkten Patient*innenversorgung tätig sind. APNs sind sozusagen klinische Expert*innen, Praktiker*innen, Berater*innen von Patient*innen und ihren Familien sowie Führungskräfte, Multiplikator*innen in den Pflegeteams und in der interprofessionellen Zusammenarbeit.

Laut Definition des International Council of Nurses (ICN, 2002) gehören mehrere Merkmale zum Profil einer Advanced Practice Nurse (APN). Das sind zum einen die vertiefte Expertise in mindestens einem klinischen Fachbereich, die Fähigkeit zur komplexen Entscheidungsfindung und zum anderen die Durchführung einer erweiterten Pflegepraxis sowie ein einschlägiger Masterabschluss (M.Sc.). ANP steht in diesem Zusammenhang für das übergeordnete Modell „Advanced Nursing Practice”, das Kompetenzen und Fertigkeiten umfasst, die eine APN für die Ausführung ihrer Tätigkeit benötigt.

Durch die Kombination aus akademischer Qualifizierung und umfassender Berufserfahrung übernehmen APNs eine Art Vermittler*innenrolle zwischen Wissenschaft und Praxis: einerseits können sie Forschungsergebnisse unmittelbar in ihrem Arbeitsumfeld anwenden und damit die Versorgungsqualität verbessern sowie das Behandlungs- und Pflegeangebot erweitern.  Andererseits generieren sie relevante Forschungsfragen aus der Berufspraxis und fördern dadurch die Evidenzbasierung. International arbeiten viele Länder, wie beispielsweise Nordamerika, England, die Niederlande, Dänemark oder die Schweiz schon unterschiedlich lang mit Pflegeexpert*innen APN. In Deutschland ist dieser Trend ebenfalls erkennbar: neben zahlreichen Artikeln in der Fachpresse und thematischer Präsenz auf Pflegekongressen sehe ich auch immer häufiger Stellenausschreibungen, die gezielt APNs mit einer bestimmten klinischen Fachrichtung suchen.

Advanced Practice Nurses übernehmen eine Vermittlerrolle zwischen Wissenschaft und Praxis

Aus meiner Sicht wird die konkrete Ausgestaltung der beruflichen Rolle einer APN neben der akademischen Qualifizierung maßgeblich von der jeweiligen Patient*innengruppe mit ihren Unterstützungsbedarfen sowie den institutionellen Rahmenbedingungen der entsprechenden Einrichtung bestimmt. Beispielsweise unterscheiden sich die Aufgaben einer onkologischen APN, die in der Akutversorgung von Tumorpatient*innen arbeitet, möglicherweise deutlich von einer, die im ambulanten oder palliativen Setting tätig ist. Das Masterstudium sollte diesen Rollenfindungsprozess der Studierenden durch die inhaltliche Schwerpunktsetzung [Onkologie] unterstützen und durch den Einbezug des individuellen Berufskontextes fördern.

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Unterricht am Patientenbett in den Skills-Labs der hsg Bochum. Foto: hsg Bochum/Jürgen Nobel

Sie haben im Mai 2018 eine Bedarfsanalyse von Pflege-Expert*innen im Sinne von ANP an den Krankenhäusern in NRW und den Universitätskliniken bundesweit durchgeführt. Welche wichtigsten Ergebnisse sind dabei herausgekommen?

Stephanow: Mit dieser Erhebung wollten wir im Rahmen des PuG-Projekts vor allem herausfinden, ob aus Sicht von Personalverantwortlichen (also Pflegedirektor*innen und Pflegedienstleitungen) in den Kliniken überhaupt ein Bedarf an APNs gesehen wird, in welchen Bereichen sie diese einsetzen würden und welche Kompetenzen im Studium erworben werden sollten. Darüber hinaus wollten wir mit zwei offenen Fragen ein Stimmungsbild einfangen, welche Chancen und Herausforderungen mit dem Einsatz von APNs verbunden werden. Die detaillierten Ergebnisse dazu kann man gerne in diesem Artikel* nachlesen.

Grundsätzlich kann an dieser Stelle festgehalten werden, dass aus Sicht der Personalverantwortlichen durchaus ein Bedarf an masterqualifizierten APNs in den Krankenhäusern gesehen wird – lediglich 4,4% der Befragten (n = 114) gaben an, dass sie APNs nicht in ihren Einrichtungen einsetzen würden. Die am häufigsten genannten Einsatzbereiche waren neben der Inneren Medizin, die Geriatrie – also die Altersheilkunde und die Onkologie, also die Behandlung von Tumoren. Auf die Frage nach der Bedeutsamkeit ausgewählter Kompetenzen, die im ANP-Masterstudiengang erworben werden sollten, wurde an erster Stelle die Beratungskompetenz von den Teilnehmenden genannt. Danach folgten das klinische Expert*innenwissen, die Fallsteuerung und die interprofessionelle Zusammenarbeit. Die Ergebnisse sind unmittelbar in die curriculare Entwicklung unseres ANP-Masterstudiengangs eingeflossen.

In der Auswertung der offenen Fragestellungen wurde deutlich, welche Erwartungen Pflegedirektor*innen an die Rolle von APNs knüpfen. So wurden die Stärkung der Position durch erweiterte Professionalisierung, die Verbesserung des Theorie-Praxis-Transfers und der Patient*innenversorgung sowie die Optimierung von Arbeitsprozessen nahezu in einem Atemzug genannt. Bei den beschriebenen Herausforderungen finde ich die Nennung von Akzeptanzproblemen besonders spannend, bei der eindeutig zwischen der eigenen Profession und anderen Berufsgruppen (vorrangig Ärzt*innen) unterschieden wurde. Fügt man beide Aspekte in eine Kategorie zusammen, wird deutlich, dass das Thema Akzeptanz aus Sicht der Teilnehmenden die größte Herausforderung darstellt.

Für welche beruflichen Einsatzfelder qualifiziert die hsg Bochum in dem neuen Master-Studiengang?

Valeska Stephanow: In erster Linie werden die Absolvent*innen des weiterbildenden ANP-Masterstudiengangs auf die Begleitung, Unterstützung und Versorgung von onkologischen Patient*innen und ihren Angehörigen vorbereitet. Der onkologische klinische Schwerpunkt umfasst fünf Module (mit insgesamt 30 CPs), die jeweils in den Sommersemestern angeboten werden. Darüber hinaus ermöglicht die inhaltliche Vertiefung von Forschungsmethoden und Fachkenntnissen im Bereich Projektmanagement, Public Health und Patient*innenedukation breit gefächerte Einsatzmöglichkeiten.

Das übergeordnete Ziel ist eine bedarfsgerechte und an den Bedürfnissen orientierte Patient*innenversorgung sicherzustellen und professionsübergreifende Arbeitsprozesse im Gesundheitswesen zu verbessern. Als Besonderheit möchte ich abschließend noch erwähnen, dass jedes Modul auch losgelöst vom Studienprogramm als Zertifikatsmodul besucht werden kann. Das bietet die Möglichkeit, das eigene berufliche Portfolio um ausgewählte Kompetenzen zu erweitern oder – wenn man die Module des klinischen Schwerpunktes wählt – um ein weiteres Fachgebiet zu ergänzen.


Weitere Informationen zum Studiengang findet sich im Informationsflyer sowie auf der Homepage der Hochschule für Gesundheit.

Dort finden sich auch das Modulangebot für das Wintersemester 2020/21 sowie das gesamte Studienangebot für den Bereich der wissenschaftlichen Weiterbildung an der hsg Bochum.


Interview: Die Fragen stellte Judith Merkelt-Jedamzik, Online-Redakteurin des hsg-magazins. Der Text erschien am 08. Januar 2020 im hsg-magazin.

Aufmacher: Zu sehen ist Valeska Stephanow. Foto: hsg Bochum/Volker Wiciok

*Studie: Stephanow, Valeska: Implementierung von Pflegeexpert/innen APN1 in deutschen Krankenhäusern: Chancen & Herausforderungen. Pädagogik der Gesundheitsberufe, 3/ 2019, 6. Jahrgang, hpsmedia, Nidda

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