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DAS ONLINE-MAGAZIN DER HOCHSCHULE FÜR GESUNDHEIT IN BOCHUM

3 Fragen an Dr. Katharina Hartmann

Dr. Katharina Hartmann ist Gründungsmitglied der Nicht-Regierungsorganisation Mother Hood e.V. und Initiatorin der deutschen Roses Revolution, der Aktion gegen Gewalt in der Geburtshilfe jedes Jahr am 25. November. Sie hielt Ende November 2018 einen Hauptvortrag auf dem Projekttag ‚Menschenrechte in der Geburtshilfe‘, den die hsg Bochum auf Initiative des Forschungsschwerpunktes ‚Midwifery and Reproductive Health‘ des Instituts für Angewandte Gesundheitsforschung (IAG) der Hochschule veranstaltet hatte. In den Workshops des Tages ging es unter anderem um einen Erfahrungsaustausch zwischen Studierenden und Praxisanleiter*innen in der Klinik sowie um die Frage, wie Hebammen und Entbindungspfleger trotz einer hohen Belastung ihre Lebensqualität erhalten können. Katharina Hartmann sprach in ihrem Vortrag über das Thema ‚Gewalt in der Geburtshilfe‘. Im 3-Fragen-Interview fasst sie ihre Botschaft zusammen:

Sie haben im Rahmen eines Vortrags an der hsg Bochum den Studierenden und Wissenschaftler*innen der Hochschule sowie den hsg-Kooperationspartner*innen erläutert, welche Themen in Bezug auf die Menschenrechte in der Geburtshilfe, (künftige) Hebammen und Entbindungspfleger kennen sollten, um auf das Thema ‚Gewalt in der Geburtshilfe‘ gut vorbereitet zu sein. Welche drei wichtigsten Themen hatten sie genannt?

Dr. Katharina Hartmann: Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass Hebammen, Entbindungspfleger und Geburtshelfer*innen den werdenden Müttern und ihren Kindern helfen möchten und Gewalt in den meisten Fällen nicht vorsätzlich angewandt wird. Dies bedeutet aber umgekehrt leider nicht, dass dies nicht passiert. Das Wichtigste ist also sicherlich: Wir müssen anerkennen, dass Vorfälle im Kreißsaal von den Betroffenen als Gewalt erlebt werden. Und es muss bei allen Beteiligten ankommen, dass Menschenrechte universell sind und somit auch für Schwangere und Gebärende gelten.

Das klingt erstmal banal, ist aber keineswegs selbstverständlich: Viel zu oft sehen wir in unserer Gesellschaft die Frau im Grunde als Container für ihr Kind und die Geburtshelfer*innen sind dafür da, das Kind gesund aus der Mutter herauszubekommen. Dabei geschehen leider viel zu oft Übergriffe: Gerade die Geburtshilfe ist von so vielen unnötigen, nicht-evidenzbasierten Eingriffen geprägt, die das Menschenrecht auf Selbstbestimmung, Privatsphäre oder den bestmöglichen Gesundheitszustand – dazu gehört auch die psychische Gesundheit der Mutter – verletzen.

Wie sollten Hebammen und Entbindungspfleger reagieren, wenn sie Gewalt in der Geburtshilfe miterleben oder von Berichten darüber erfahren?

Hartmann: Tja, diese Frage haben wir von Mother Hood e.V. tatsächlich den Polizeistellen der unterschiedlichen Länder gestellt: Wie sollen Menschen bei Gewalttaten im Kreißsaal reagieren? Grundsätzlich gelten dabei die gleichen Regeln wie bei Gewalttaten in anderen Kontexten auch und offiziell haben wir in Deutschland die Pflicht, Straftaten anzuzeigen. Und viele Geburtshelfer*innen berichten mir von miterlebten vaginalen Untersuchungen, die bei ihnen den Eindruck einer manuellen Vergewaltigung hinterlassen. Aber zeigen sie die Vorfälle an?

Nein, das tun sie nicht.

Denn das Problem ist: Die Kultur im Kreißsaal ist von starken Hierarchien und massiven Machtgefällen geprägt. Zudem sind diese Gewaltakte bei uns derart normalisiert, dass sie nicht als Unrecht erkannt werden. Vielleicht vergleichbar mit häuslicher Gewalt: Die galt auch lange Jahre als Privatsache und war gesellschaftlich zwar irgendwie geächtet, aber vor allem mal schaute man weg. Es war ein langer Weg, bis häusliche Gewalt strafbar wurde… bei Geburt ist es ähnlich: Irgendwie wird immer vorausgesetzt, dass Geburt eben schlimm sei und die Frauen sich für ihr gesundes Baby zu opfern haben. Die Frauen werden gegen ihre Kinder ausgespielt. Und ich höre von Hebammen und Geburtshelfer*innen, die solche Gewaltakte anmahnen, dass ihnen vom Team vorgeworfen wird, sie seien zu weich für den Job, Geburt sei halt so.

Dabei stimmt das doch gar nicht: Wir können es besser! Es ist möglich, eine Frau so durch die Geburt zu begleiten, dass sie und ihr Kind körperlich und auch psychisch unverletzt sind! Und ohne aus dem geburtshilflichen Team entweder Täter oder aber sekundär-traumatisierte Erfüllungsgehilfen zu machen.

Ich bitte die Hebammen und Geburtshelfer*innen daher vor allem, ihr Unrechtsbewusstsein nicht zu verlieren und sich mit Gleichgesinnten zusammenzuschließen: Was da geschieht, ist nicht normal! Hebammen und Geburtshelfer*innen haben eine enorme Macht über die Gebärende – aber sie dürfen sie niemals ausspielen. Wir können und müssen stetig und mutig und doch achtsam (auch die kleinen) Dinge verändern; alle gemeinsam, aber jede*r in dem Maße, wie es jeweils möglich scheint!

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Dr. Katharina Hartmann setzt sich gegen Gewalt in der Geburtshilfe ein. Sie ist Initiatorin des Aktionstags ‚Roses Revolution‘ in Deutschland, die jedes Jahr am 25. November stattfindet. Sie ist Gründungsmitglied der Nicht-Regierungsorganisation Mother Hood e.V. Foto: Florian Hartmann

In welchen Fällen sollten Hebammen und Entbindungspfleger die Polizei oder andere (externe) Stellen informieren?

Hartmann: Grundsätzlich ist unterlassene Hilfeleistung in Deutschland strafbar. Wer also konkrete Fälle von Gewalt (physische, verbale oder psychische) erlebt, ist eigentlich verpflichtet einzugreifen und bei Bedarf die Behörden oder zumindest die entsprechenden Stellen innerhalb der eigenen Verwaltung zu benachrichtigen. Wir von Mother Hood e.V. haben dazu dieses Jahr vom Landeskriminalamt NRW die Antwort erhalten, dass in Fällen von psychischer und verbaler Gewalt eher das Patientenbeschwerdemanagement im Krankenhaus und die Beschwerdestellen der Ärztekammern geeignete Ansprechpartner seien; in Fällen von physischer Gewalt könne grundsätzlich auch die Polizei gerufen werden. Allerdings gilt das oben Gesagte: Unter der Geburt gelten viele der Übergriffe als normal. Unsere Erfahrung ist, dass in den seltensten Fällen Handlungsbedarf gesehen wird und die Betroffenen geeignete Unterstützung erhalten.

Es ist noch ein langer Weg, bis Menschenrechte auch im Kreißsaal zu jeder Zeit und für alle Beteiligten selbstverständlich Anwendung finden. Vielleicht hat mein Vortrag vor den Studierenden der Hebammenwissenschaft und Wissenschaftler*innen der hsg Bochum sowie den Praxisanleitungen aus den kooperierenden Einrichtungen der Hochschule dazu beigetragen, dass sich die heutigen und künftigen Hebammen und Geburtshelfer*innen noch stärker bewusst machen, welche Folgen ihr Handeln haben kann.


Das Interview führte Dr. Christiane Krüger, Leiterin des hsg-magazins. (10.12.2018)

Aufmacher: hsg. Rosafarbene Rosen können Betroffene, also Mütter, Väter, Eltern oder Begleitpersonen, sowie Hebammen und Entbindungspfleger sowie medizinisches Personal, symbolisch zum Aktionstag ‚Roses Revolution‘ am 25. November eines jeden Jahres vor geburtshilfliche Einrichtungen legen, in denen sie Gewalt und/oder Respektlosigkeit erfahren haben.

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