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3 Fragen an… den Künstler Tim Etchells

Der Künstler Tim Etchells ist bekannt für seine Lichtinstallationen, die zum freien Assoziieren und Nachdenken einladen. Eines seiner Kunstwerke – die Installation ‚How Love Could Be‘ – ist seit dem 4. Juli 2019 temporär auf dem Dach der hsg Bochum angebracht. Im Interview erklärt der Künstler, was es mit dem Schriftzug auf sich hat und warum das Kunstwerk keinen festen Standort hat, sondern immer wieder an neuen Orten in Bochum sehen ist.

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Der Brite Tim Etchells ist Performer, Regisseur, Schriftsteller und Lichtkünstler. Foto: Chris Saunders

Wie kommen Sie – als britischer Künstler – dazu, ein Kunstwerk mit Bezug zu der Stadt Bochum zu entwerfen? 

Tim Etchells: Es begann damit, dass ich beuftragt wurde, eine Arbeit für eine Veranstaltungsreihe mit dem Titel ‚The Detroit Project‘ in Bochum zu machen, die 2014 vom Schauspielhaus Bochum und [der Kulturinstitution] Urbane Künste Ruhr organisiert wurde. Das gesamte Projekt befasste sich mit dem Kontext der Deindustrialisierung und ging der Frage nach, wie die Veränderungen und Schließungen in der Bergbau-, Stahl- und Fertigungsindustrie sich auf Gemeinschaften [Communities] auswirken. Ebenso beschäftigte man sich mit der Frage, welche Art der sozialen und politischen Reaktion, eine solche Veränderungen erfordern könnte. Das Bindeglied war zu Beginn [der Automobilkonzern] Opel, der sowohl ein wichtiger Akteur in der – inzwischen zusammengebrochenen – Automobilindustrie in Detroit war als auch sein Produktionswerk in Bochum schloss. Bei der Vorbereitung meiner Arbeit las ich über Opel, Bochum und Detroit, und einige dieser Nachforschungen veranlassten mich, [das Plattenlabel] Motown zu betrachten, den zweitbekanntesten, wenn nicht sogar bekanntesten Konzern in Detroit.

Wieso haben Sie die Zeile ‚How Love Could Be‘ ausgewählt?

Am Ende [der Recherche] habe ich für mein Stück eine einzige kurze Zeile ausgewählt – vier Wörter aus dem Zusammenhang gerissen – von den Texten zur allerersten Single von Motown – ein Lied namens Bad Girl. Die von mir gewählte Zeile lautete einfach ‚How Love Could Be‘ – eine Art Frage in Form eines offenen Statements. Ich mochte es wegen der Motown-Verbindung. Und natürlich, weil es eine Frage über Liebe stellt, was auch eine Möglichkeit ist, zu fragen, wie sich eine Gesellschaft in Zeiten des sozialen Wandels und der wirtschaftlichen Not um ihre Bürger kümmern könnte.

Warum ist ‚How Love Could Be‘ nicht dauerhaft an einem Gebäude installiert, sondern bewegt sich von Ort zu Ort?

Seit seiner Entstehung wurde das Kunstwerk in sehr unterschiedlichen Zusammenhängen an verschiedene Gebäuden und Orten in Bochum angebracht. Jedes Mal wenn es installiert wird, denke ich, wird eine neue Nuance oder ein neues Detail des Stücks klar oder eine neue Facette entsteht. Ich denke gerne, dass diese Arbeit und andere meiner Textstücke in gewisser Weise offen sind – ‚durchlässig für den Kontext‘. Das heißt, sie schlagen etwas vor – eine Idee, eine Geschichte, eine Frage -, aber gleichzeitig lassen sie Raum, lassen Dinge ungesagt. Es ist diese Lücke, diese fehlende Information oder dieser Raum der Möglichkeit, der sich für das Publikum oder den Betrachter öffnet, wenn er auf die Arbeit stößt. Ein Raum, in dem sie selbst denken, sich vorstellen, fragen können. Ich freue mich wirklich sehr über dieses Stück – das von der Firma Vivamo direkt in Bochum hergestellt und aufgestellt wurde -, das sich an so unterschiedlichen Orten in Bochum befand, sich jedes Mal änderte und immer wieder auf diese Frage nach der Liebe zurückkommt – auf die Frage, was wir in der Gesellschaft wertschätzen und wie wir aufeinander und auf die Menschen in unserer Umgebung aufpassen könnten.


Das englische Originalinterview können Sie hier lesen:

How did you, as a British artist, come to make an artwork related to the city of Bochum?

Tim Etchells: I was first commissioned to make a work for a series of events called ‘The Detroit Project’ in Bochum, organised by Schauspielhaus Bochum and Urbane Künste Ruhr in 2014. The project as a whole was looking at the context of deindustrialisation, and how shifts or closure in the mining, steel and manufacturing industries affect communities, as well as questions about the kind of social and political response that such shifts might demand. The explicit connection from the start was around Opel, who had been a major player in the now-collapsed Detroit motor industry and were also closing their manufacturing plant in Bochum. In preparing my work I was reading about Opel, Bochum and Detroit and some of that research led me to looking at Motown – arguably the second or even the most well known industry of Detroit.

Why did you choose the words ‚How Love Could Be‘?

Etchells: For my piece, in the end, I chose a single short line, four words out of context, from the lyrics to the very first Motown single release – a song called Bad Girl. The line I chose said simply ‘How Love Could Be’ – a kind of question in the form of an open ended statement. I liked it because of the Motown link… and of course because raising a question about love, was also a way of wondering about how a society might take care of its citizens in times of social change and economic hardship.

Why is ‚How Love Could Be‘ not installed permanently in one place, but moves from place to place?

Etchells: Since it was made, the piece has been installed in several very different contexts, in relation to different buildings and locations in Bochum. Each time it is installed I think a new nuance or detail of the piece becomes clear, or comes into being. I like to think that this work, and other text pieces of mine, are in some ways open – ‘porous to context’. That means they propose something – an idea, a story, a question – but at the same time they leave space, leave things unsaid. It is this gap, this missing information or space of possibility that opens for the audience or viewer when they encounter the work – becoming a space in which they can do their own thinking, imagining, asking. I’m really so happy about this piece – fabricated and installed by the company Vivamo in Bochum itself – which has been in such different locations around Bochum, every time changing and every time returning to this question about love – about what we value in society and how we might take care, of each other, and of those around us.


Text: Das Interview führte Judith Merkelt-Jedamzik, Online-Redakteurin des hsg-magazins. Der Text erschien am 5. Juli 2019 im hsg-magazin.

Aufmacher: Das Foto zeigt das Kunstwerk ‚How Love Could Be‘ am Abend des 4. Juli 2019 auf dem Dach der hsg Bochum. Foto: hsg Bochum/Judith Merkelt-Jedamzik

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