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DAS ONLINE-MAGAZIN DER HOCHSCHULE FÜR GESUNDHEIT IN BOCHUM

„Akademisierung modernisiert Rollenverteilung“

Worin besteht für Sie der Mehrwert der Akademisierung in den Gesundheitsfachberufen? Das hat das hsg-magazin Barbara Bäck gefragt. Sie leitet die Koordinationsstelle für Medizinisch-technische Dienste (MTD) der Steiermärkische Krankenanstaltengesellschaft mbH (KAGes). In Österreich werden die sogenannten MTD-Berufe bereits seit 2006 akademisch ausgebildet. Dies umfasst die folgenden sieben Berufssparten: Biomedizinische Analytik, Diätologie, Ergotherapie, Logopädie, Orthoptik, Physiotherapie und Radiologietechnologie.

Barbara Bäck: „Die Diskussion zum Für und Wider der Akademisierung begleitet uns in Österreich seit Jahren und wird dies wohl auch weiterhin tun, weil sie im Prinzip auf Hypothesen und Annahmen beruht, die kaum überprüfbar oder messbar sind. Was allerdings nicht an der inhaltlichen Qualität der Hypothesen und den Erwartungen, die wir in die Akademisierung setzen, zweifeln lassen sollte.

Das herausragende Kriterium der akademisierten Ausbildung liegt in der systematischen Einbindung des wissenschaftlichen Zugangs zu allen gelehrten Inhalten. Studierende lernen, sich kritisch mit Themen auseinanderzusetzen, zu hinterfragen, zu evaluieren, wissenschaftliche Literatur zu analysieren, Evidenz zu erkennen und letztendlich sinnvolle Maßnahmen abzuleiten. Diese im Studium vermittelte Herangehensweise schafft die Voraussetzung für die Formulierung eigener wissenschaftlicher Fragestellungen und ermöglicht die Durchführung von MTD-fachbezogenen Studien. Zudem gewährleistet sie die Erfüllung der gesetzlichen Vorgabe, das berufliche Tun am aktuellen Stand der Wissenschaft zu orientieren und das erworbene Wissen in die Praxis einfließen zu lassen.

Dies bedingt eine laufende Optimierung des Portfolios und der Qualität diagnostischer und therapeutischer MTD-Verfahren und somit auch der Qualität der Patientenversorgung.

Veränderte Anforderungen an Fachpersonal

Demografische Entwicklungen, Multimorbidität – also das gleichzeitige Bestehen mehrerer Krankheiten bei Patient*innen – und komplexer werdende Krankheitsbilder erfordern Fachpersonal mit einem adäquaten, qualitätsvollen Ausbildungsniveau aller im Gesundheitswesen tätiger Berufsgruppen. Der akademische Weg ist für die Ärzteschaft seit Jahrhunderten Teil des Selbstverständnisses und muss im Sinne der interdisziplinären Herausforderungen auch im medizinisch-technischen und pflegerischen Bereich zur Normalität werden. Dafür gilt es, das eigene Selbstverständnis zu emanzipieren, vor allem aber auch den dafür notwendigen Raum im interdisziplinären Setting zu erhalten und zu befüllen. Fast absurd muten Diskussionen an, die einerseits die Überlastung der Ärzteschaft und einen generellen Ärztemangel beklagen, sich aber zugleich darin festfahren, keine sogenannten „ärztliche Tätigkeiten“ an andere Berufssparten zu übertragen.

Die aktuelle Situation der Gesundheitsversorgung verlangt eine interdisziplinäre, sachliche, unaufgeregte und ergebnisorientierte Aufgaben- und Rollenverteilung, um die Patient*innenversorgung qualitätsvoll, effizient, effektiv und ökonomisch auf moderne Beine zu stellen. Die große Herausforderung besteht dabei wohl nicht nur in der idealen Verteilung fachlicher Aufgaben, sondern auch in der einander wertschätzenden Diskussion. Unser Ziel muss sein, die in den einzelnen Berufssparten vorhandenen Wissensressourcen und Fertigkeiten bestmöglich einzusetzen und dafür gegebenenfalls vorhandene berufsständische Strukturen und hierarchische Denkweisen über Bord zu werfen. Kein bemerkenswerter Fortschritt kann ohne das große Engagement aller Beteiligten stattfinden. Er erfolgt in der Regel aber nur dann, wenn entsprechende Rahmenbedingungen zugelassen und – besser noch – unterstützt werden.

Gesundheitsversorgung verlangt eine interdisziplinäre, sachliche, unaufgeregte und ergebnisorientierte Aufgaben- und Rollenverteilung

Meiner persönlichen Einschätzung nach bedarf es dazu dringend (gesundheits)politischer Entscheidungen, die diese Entwicklungen ermöglichen, jedoch bin ich aber auch davon überzeugt, dass jede/r Einzelne von uns einen Teil zum Gelingen beitragen kann.

Ein ‚Wissens-Überdruckventil‘ wird geöffnet

Als MTD-Koordinatorin der KAGes durfte ich mit Unterstützung der Unternehmensführung die Chance wahrnehmen, mit einer Arbeitsgruppe ein KAGes-Fachkarrieremodell für die sieben MTD-Berufssparten zu entwickeln und ins Leben zu rufen.

Bereits mit Projektbeginn und der darauffolgenden Implementierung von sogenannten „Senior- und Advanced-MTD“ hat sich eine beeindruckende Dynamik gezeigt: in kürzester Zeit bildeten die in die Fachkarriereentwicklung und -umsetzung involvierten Mitarbeiter*innen ein KAGes-weites Fachnetzwerk und stellen heute Bindeglieder zwischen Wissenschaft und Praxis dar. Sie investieren entsprechend ihrem Aufgabenprofil Zeit und Energie, als Ansprechpartner*innen in ihrem jeweiligen MTD-Fachgebiet zu fungieren, Literatur zu recherchieren, diese für Kolleg*innen ‚lese- und praxisgerecht‘ aufzubereiten, KAGes-interne Behandlungsleitlinien zu erstellen, Fortbildungen und Hospitationsangeboten für die Kollegenschaft anzubieten und vieles mehr. Fast entsteht der Eindruck, ein ‚Wissens-Überdruckventil‘ geöffnet und damit einen Qualitätssprung im MTD-Wissensmanagement vollzogen zu haben. Ich wage zu behaupten, dass dies vor zehn Jahren nicht in diesem Maße gelungen wäre. Heute aber – mit dem für MTD mittlerweile selbstverständlich gewordenen wissenschaftlichen Diskurs – kommt diese Weiterentwicklung den MTD-Mitarbeiter*innen und ihrem Arbeitsumfeld, dem Unternehmen und damit vor allem unseren Patient*innen zugute.

Womit ich bestätigt sehe, dass sich die Akademisierung der MTD-Ausbildungen jedenfalls positiv auf Inhalt und Qualität der MTD-Leistungserbringung, die interdisziplinäre Zusammenarbeit und die daraus resultierende interdisziplinäre Patient*innenversorgung auswirkt.“


Text: Barabara Bäck. Der Text erschien am 25. Februar 2020 im hsg-magazin.

Aufmacher: Das Bild zeigt Barabara Bäck bei der Dreiländertagung 2019 an der hsg Bochum. Foto: hsg Bochum/WolfgangHelmFotografie

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