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„Akademisierung schafft Perspektiven in Berufen, die wir dringend brauchen“

Worin besteht für sie der Mehrwert der Akademisierung in den Gesundheitsfachberufen? Dieser Frage geht das hsg-magazin seit August 2019 in der Artikelserie #AKADEMISIERUNG nach. Im aktuellen Beitrag erläutert Maria Klein-Schmeink, Bundestagsabgeordnete und stellvertretende Fraktionsvorsitzende sowie gesundheitspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, ihren Ansatz zur Akademisierungsdebatte.

Maria Klein-Schmeink: „Physio- und Ergotherapeut*innen sowie Logopäd*innen haben lange darauf gewartet, dass ihre Modellstudiengänge in Regelstudiengänge überführt werden. Was in anderen Ländern längst Alltag ist, sollte endlich auch in Deutschland Realität werden. Neue Berufsgesetze, in denen auch eine reguläre akademische Ausbildung geregelt werden sollte, waren angekündigt. Im Koalitionsvertrag der derzeitigen Bundesregierung heißt es: „Für die zukünftigen Herausforderungen des Gesundheitswesens ist die Aufgabenverteilung der Gesundheitsberufe neu zu justieren und den Gesundheitsfachberufen mehr Verantwortung zu übertragen.“

Nach Auslaufen der ersten Phase der Modellstudiengänge 2017 hatte es bereits eine Verlängerung um 4 Jahre gegeben. Und das nicht etwa, weil die Erfahrungen mit den Modellstudiengängen nicht gut oder nicht ausreichend gewesen wären, ganz im Gegenteil. Nein, die Bundesregierung hatte es versäumt, sich auf eine Überführung der Modellstudiengänge in reguläre Studiengänge vorzubereiten. So war die Verlängerung die wohlfeilste Lösung.

Dieses Mal sah es zunächst so aus, als würde sich endlich etwas bewegen. Es gab die Ankündigung im Koalitionsvertrag, es gab eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe, die sich mit der Neuordnung der Gesundheitsberufe befasste und ein Eckpunktepapier dazu schrieb, es gab einen Beteiligungsprozess, an dem sich die Berufsverbände und die Hochschulen beteiligen und ihre Vorstellungen einbringen konnten. Und das haben sie mit großem Engagement getan. Die Angehörigen der Gesundheitsberufe und ihre Verbände haben sich konstruktiv in die Debatte eingebracht und positioniert.

Und dann das. In einem Sammelgesetz, dem so genannten Gesundheitsversorgungsweiterentwicklungsgesetz (GVWG), das noch vor der Bundestagswahl verabschiedet werden soll, gibt es einen Passus, mit dem die Modellstudiengänge, die eigentlich 2021 auslaufen sollten, einfach um weitere 5 Jahre bis 2026 verlängert werden. Ganz lapidar und ohne Begründung.

Für die Angehörigen der Gesundheitsfachberufe und für die Hochschulen ist das eine Riesenenttäuschung. Vordergründig mag Corona dafür verantwortlich sein, die Bundesregierung, und ganz besonders das Bundesgesundheitsministerium, sind durch die Pandemie an der Grenze ihrer Kapazitäten. Allerdings hat die Bundesregierung jahrelang versäumt, auf Grundlage der vorhandenen Erkenntnisse die Weiterentwicklung der Gesundheitsberufe voranzutreiben und die Modellstudiengänge in reguläre Studiengänge zu überführen. Die Pandemie ist nicht Ursache für die Verschiebung sondern eher der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt bzw. den Ausschlag für einen weiteren Aufschub gibt. Und es ist schäbig, eine Verlängerung ohne jede Erklärung oder Perspektive gleich für weitere 5 Jahre anzuordnen. Dieses Verhalten zeugt von mangelnder Wertschätzung für die therapeutischen Gesundheitsberufe.

Für junge Menschen, die einen dieser Berufe erlernen wollen, bleibt die Unübersichtlichkeit darüber, wie der Beruf in Zukunft geregelt sein wird, welche Kompetenzen dafür notwendig sind. Dabei besteht überhaupt kein Zweifel daran, dass wir akademisch ausgebildete Therapeut*innen dringend brauchen. Bereits der Bericht der Bundesregierung zu den Modellklauseln aus dem Jahr 2016 hat belegt, dass die Erfahrungen mit den Modellstudiengängen durchweg positiv sind. Die VAMOS-Studie hat ergeben, dass akademisch ausgebildete Angehörige von Gesundheitsfachberufen Kompetenzen erworben haben, die sie dazu befähigen, fach-und sachgerecht mit chronischen, komplexen und instabilen Krankheitsverläufen sowie Multimorbidität umzugehen. Sie eignen sich für Versorgungsaufgaben an den kritischen Schnittstellen über Professions-und Systemgrenzen hinweg. Sie sind in der Lage, Aufgaben insbesondere im Bereich Beratung, interprofessionelle Zusammenarbeit, Projektarbeit, Recherche, Konzeptentwicklung und Expertentätigkeiten zu übernehmen, die über das hinausgehen, was andere Fachkräfte in derselben Einrichtung können.

Akademisch ausgebildete Therapeut*innen können eine wichtige Rolle in der Versorgung der Zukunft, auch vor dem Hintergrund des demographischen Wandels, übernehmen. Wir brauchen diese Absolvent*innen dringend in einer patientennahen und mehr regional und sektorübergreifend ausgerichteten Versorgung. Wenn wir jetzt wieder in alte Muster verfallen und die längst überfällige Modernisierung der Berufsgesetze für Therapeut*innen weiter aufschieben, verspielen wir wertvolle Zeit für eine bessere Organisation der Versorgung.

Darum fordern wir in einem Antrag, den wir zusammen mit dem Gesundheitsversorgungsweiterentwicklungsgesetz beraten wollen, dass ein verbindlicher Fahrplan zur Akademisierung der Berufe der Ergotherapie, der Logopädie und der Physiotherapie vereinbart wird. Die Berufsverbände und die Hochschulverbände und die Länder müssen an der Erstellung dieses Fahrplans beteiligt werden. Ziel ist, dass die regulären Studiengänge zu einem festgelegten Zeitpunkt starten können. Damit würde die weitere Verlängerung konstruktiv genutzt, das Engagement der therapeutischen Gesundheitsfachberufe liefe nicht wieder ins Leere. Und es wäre garantiert, dass es keinen weiteren Aufschub gibt.“


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Text: Maria Klein-Schmeink. Der Text erschien am 18. Februar 2021 im hsg-magazin.

Aufmacher: Das Bild zeigt die Bundestagsabgeordnete Maria Klein-Schmeink. Foto: Maria Klein-Schmeink

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