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Den Notfall immer wieder üben

Prof. Dr. Dorothea Osenberg, die an der Hochschule für Gesundheit (hsg) in Bochum als Professorin für Medizin mit dem Schwerpunkt Allgemeinmedizin arbeitet, bietet regelmäßig Notfalltrainings für Studierende an. Die Woche der Wiederbelebung vom 18. bis zum 24. September 2017 nutzt sie, um an die Bevölkerung zu appellieren, im Ernstfall zu helfen und am besten für den Notfall regelmäßig zu üben.

Sie halten regelmäßig an der hsg eine Lehrveranstaltung zum Notfalltraining ab. Wie starten Sie in den Kurs?

Prof. Dr. Dorothea Osenberg: Ich beginne meine Lehrveranstaltung zur Ersthilfe immer mit der Einstiegsfrage „Wer hat in der Vergangenheit schon einmal einen Erste-Hilfe-Kurs besucht?“ In der Regel wird die Frage von den Anwesenden einstimmig beantwortet. Die meisten Studierenden haben beim Erwerb der Fahrerlaubnis einen solchen Kurs belegt, weil es in Deutschland Voraussetzung dafür ist. Auch bei der folgenden Frage „Welche Inhalte sind denn im Gedächtnis geblieben?“ herrscht Konsens. Hier heißt es immer „Die stabile Seitenlage“! Erfahrungsgemäß bleibt diese durchaus komplex erscheinende Maßnahme den meisten Teilnehmern eines üblichen Ersthilfe-Kurses – zumindest marginal – in Erinnerung.

Mit den Antworten scheinen Sie nicht ganz zufrieden zu sein…

Osenberg: Spätestens ab jetzt jedenfalls werden die Antworten allgemein sehr zögerlich. Dabei liegen die Fragen auf der Hand: Wenn wir zunächst bei der stabilen Seitenlage bleiben: Bei welchem Notfall wende ich diese Maßnahme an? Wer kann die stabile Seitenlage kurz demonstrieren? Was ist noch zu tun? In welcher Reihenfolge?

Warum sind die Kenntnisse nicht vorhanden?

Osenberg: Die Ursache der allgemeinen Unsicherheit ist nachvollziehbar und keineswegs außergewöhnlich. Wer den Kurs der Basis-Versorgung in jungen Jahren einmal absolviert hat, legt die Bescheinigung zusammen mit dem erlangten Wissen in den Schrank, in der stillen Hoffnung, beides niemals einsetzen zu müssen. Was im Optimalfall dann ja auch so ist. Den Gedanken an lebensgefährliche Notfallsituationen, an sichtbare Verletzungen, auch an die Endlichkeit des Lebens, – diese Gedanken schieben wir gerne und möglichst weit von uns weg. Denn es überkommt uns leicht eine beklemmende Sorge. Die Angst, etwas falsch zu machen, im Akutfall nicht zu wissen, was zu tun ist. Oder aber die Angst, selbst betroffen zu sein.

Und dann?

Osenberg: Paradoxerweise wären wir in dem Fall als Selbstbetroffene*r abhängig davon, dass andere nicht verdrängen, sondern sich immer wieder aktiv mit lebensbedrohlichen Situationen auseinandersetzen, um nötigenfalls helfen zu können. Das kostet Überwindung. Aber es macht Sinn.

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Jedes Semester gibt Prof. Dr. Dorothea Osenberg eine Lehrveranstaltung zur Ersten Hilfe an der Hochschule für Gesundheit. Foto: PicturePeople

Warum ist die schnelle Ersthilfe so wichtig?

Osenberg: Bis ein professionelles Rettungsteam am Ort des Geschehens eintrifft, vergehen auch in dicht besiedelten Regionen, sogar in der Klinik, mehrere Minuten. Diese Zeit ist aber bekanntlich oft die entscheidende. Die in diesen ersten Minuten ablaufenden Maßnahmen können maßgeblich den weiteren Verlauf der Erkrankung und damit das Schicksal des Betroffenen beeinflussen. Kompetente und schnelle Hilfe auf hohem Niveau kann nur derjenige leisten, der die notfallmedizinischen Therapiemaßnahmen so gelernt und trainiert hat, dass er sein Wissen in der Notfallsituation sofort sicher einsetzen kann. Viele Menschen überlassen das jedoch im Ernstfall lieber den sogenannten Profis, selbst, wenn sie über das Zertifikat eines erfolgreich besuchten Erste-Hilfe-Kurses verfügen.

Da zum Kreis der sogenannten Profis alle im Gesundheitswesen tätigen Fachpersonen zählen, enthält der Lehrplan der meisten Studiengänge an der Hochschule für Gesundheit entsprechende, ganztägige Lehreinheiten, also Module. Was leisten diese Kurse?

Osenberg: Die Lehrveranstaltungen sollen nicht die Inhalte der bereits in der Vergangenheit  privat absolvierten Kurse wiederholen. Hier geht es im Schwerpunkt darum, aufbauend auf dem individuell vorhandenen Vorwissen die Technik – wir könnten auch vom technischen Handwerk sprechen – so zu trainieren, dass die Abläufe auch in Stress-Situationen quasi automatisch abrufbar sind und funktionieren. Dafür konstruiere ich auch im Laufe der Veranstaltung künstliche Stress-Situationen.

Warum ist das wichtig?

Osenberg: Die Studierenden sollen spüren, welchen Einfluss der eigene Stress auf ihre Handlungen hat und wie sie den Stress beherrschen. Auch das Arbeiten in Stress-Situationen kann und sollte man üben! Außerdem wird im Rahmen der ganztägigen Übungseinheiten intensiv an Handgriffen und Maßnahmen gefeilt. Dazu gehören unter anderem auch Transferübungen. Das sind zum Beispiel Übungen, die helfen, eine Person ohne weitere Helfer aus einem Sessel, einem Bett oder einem Auto zu bekommen. Auch die praktische Anwendung eines automatischen externen Defibrillators (AED) will gelernt sein

Die Defibrillatoren sind mittlerweile vielfach im öffentlichen Raum zu sehen. Sie finden sich in Flughäfen, Bahnhöfen, Fußballstadien und in öffentlichen Gebäuden. Sie werden mit einem grünen Schild mit einem grünen Blitz in einem weißen Herzen plus einem weißen Kreuz gekennzeichnet. Ist das hilfreich?

Osenberg: Ja, sicher. Im Notfall erklärt übrigens der Defibrillator der*dem Ersthelfer*in alles Durchzuführende sehr ruhig und unaufgeregt. Auch löst er nur aus, wenn eine Maßnahme erforderlich ist. Man kann also gar nicht viel falsch machen!

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Diese Studierenden frischen ihre Kenntnisse in einer Lehrveranstaltung zur Ersten Hilfe auf, um in einer Notsituation richtig reagieren zu können. Foto: hsg

Was lernen die Studierenden noch in Ihrem Modul?

Osenberg: Sie lernen unter anderem auch verschiedene Beatmungstechniken mit und ohne Hilfsmittel, die korrekte Abnahme eines Motorradhelms, und nicht zuletzt natürlich die routinierte und effektive Durchführung einer cardiopulmonalen Reanimation (CPR).

Womit üben Sie an der hsg?

Osenberg: Die Ausstattung der Hochschule für diese Übungen ist äußerst umfangreich. Neben mehreren PC-steuerbaren lebensgroßen CPR-Simulatoren gibt es zusätzlich kleine Übungs-Torsos für alle Teilnehmer*innen, damit die zum Training zur Verfügung stehende Zeit individuell und maximal genutzt werden kann. Auch gibt es unter anderem die Möglichkeit, die Grundlagen der Beutel-Beatmung zu erlernen, externe Defibrillatoren und Absauggeräte in ihrer Anwendung zu erarbeiten und die Herzdruckmassage nach Musik durchzuführen.

Tatsächlich gibt es eine Playlist mit den richtigen Songs für die Herzdruckmassage…

Osenberg: Die Musik gibt ein besseres Gefühl für die effektive Grundfrequenz bei der Herzdruckmassage. Hier werden Songs mit 100 bis 120 Beats pro Minute wie beispielsweise ‚Stayin’ alive‘ von den Bee Gees, ‚Highway to Hell‘ von AC/DC oder ‚Rock Your Body‘ von Justin Timberlake. Bei der Herzdruckmassage benötigen wir ebenfalls eine Frequenz von 100 bis 120 Druckbewegungen pro Minute, also ungefähr zwei mal pro Sekunde. Die Musik hilft, die richtige Frequenz zu finden.

Warum wird das Training aufgezeichnet?

Osenberg: Wir zeichnen das Simulationstraining digital auf, damit die Lernenden und Instruktoren ein unmittelbares und differenziertes Feedback über die Qualität der durchgeführten Maßnahmen erhalten können. Die Daten der Aufzeichnungen erlauben uns konkrete Aussagen über die effektive Kompressionstiefe bei der Herzdruckmassage oder auch über die ausreichende Belüftung der Lungen bei Beatmung.

Womit schließt der Kurs ab?

Osenberg: Zum Abschluss jeder Lehrveranstaltung führen die Teilnehmer*innen eine umfangreiche praktische Prüfung durch. Hier sollen alle gelernten Techniken und Maßnahmen in einer komplexen Situation gezeigt werden. Spätestens jetzt wird nicht nur auf die technischen Fähigkeiten des Einzelnen besonderer Wert gelegt. Auch situatives Verhalten, Teamorganisation, Kommunikation und Führungskompetenz, also Leading, geraten zusätzlich in den Focus. Ein gewisser Prüfungsdruck ist hier durchaus Teil des Konzepts und wird erfahrungsgemäß von den Studierenden gerne angenommen. Die Studierenden kommen so der Realität und der Stress-Situation eines Notfalls noch ein kleines Stück näher. Und wissenschaftlich spannend ist es zudem: wenn das eigene Herz schneller schlägt, wird die Frequenz der Herzdruckmassage oft ungewollt höher und damit für den Patienten leider oft ineffektiv.

Wie schafft man es also im Ernstfall ruhig bleiben?

Osenberg: Da hilft nur üben, üben, üben!

Vielen Dank für das Gespräch!

 


 

Das Interview führte Dr. Christiane Krüger, Pressesprecherin der hsg.
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