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DAS ONLINE-MAGAZIN DER HOCHSCHULE FÜR GESUNDHEIT IN BOCHUM

Deutsch lernen im Begegnungscafé

Im Bochumer Stadtteil Hustadt leben ungefähr 3.000 Menschen, von denen schätzungsweise rund 90 Prozent einen Migrationshintergrund haben. Auch zahlreiche Geflüchtete gehören zu den Bewohner*innen. Durch ein Begegnungscafé, das Studierende im Rahmen des Projekts „Stadtteillabor Hustadt“ in Kooperation mit dem Stadtteiltreff der IFAK e.V. auf die Beine gestellt haben, können sich Frauen des Stadtteils besser kennen und gemeinsam Deutsch lernen.

Sprache ist wichtig

„Es gibt viele Frauen, die schon zehn Jahre lang hier leben, aber noch kein Deutsch sprechen“, weiß Prof. Dr. Christiane Falge, die an der Hochschule für Gesundheit (hsg) Professorin für Gesundheit und Diversity ist und das Projekt ‚Stadtteillabor Hustadt‘ leitet. „Dies liegt teilweise daran, dass sie zu Beginn der Migration oftmals in der Familiengründungsphase waren und viel Zeit mit ihren Kindern verbringen, und an der geringen Anzahl wohnortnaher Sprachkursangebote“, so Falge. Im Rahmen des Stadtteillabors entstand der Wunsch, dass es ein Begegnungscafé für die Anwohnerinnen geben soll. Seit September 2016 gibt es nun diesen Ort der Zusammenkunft. Jeden Mittwoch im Semester kommen ab 18 Uhr Anwohnerinnen der Hustadt in einem Raum des Stadtteiltreffs zusammen, um hier gemeinsam zu sprechen. Der Raum wird hierfür vom Verein für multikulturelle Kinder- und Jugendhilfe – Migrationsarbeit (IFAK) bereitgestellt.

Insgesamt sechs Studentinnen der hsg unterstützen zurzeit das Begegnungscafé durch ihren ehrenamtlichen Einsatz. Zu ihnen zählt Pia Rangnow, die im fünften Bachelor-Semester Ergotherapie an der hsg studiert: „Es braucht viele Menschen, die sich für Geflüchtete engagieren und etwas für sie und mit ihnen auf die Beine stellen“, findet die hsg-Studentin. Und sie ist überzeugt: „In einem Land zu leben und die Sprache des Landes zu können, ist wichtig. Dadurch wird es möglich, andere zu verstehen, die eigenen Gedanken auszudrücken und am Leben in der Gesellschaft teilzuhaben.“ Im Begegnungscafé wird einigen Frauen dabei in gemütlicher und vertrauter Atmosphäre geholfen.

„Aber auch wir Studierende lernen viel von den Frauen“, ergänzt Kristina Krawczyk, die ebenfalls zu den hsg-Studentinnen gehört, die das Begegnungscafé unterstützen. „Und damit meine ich nicht nur, dass wir einige Sprachbrocken Arabisch lernen. Noch viel beeindruckender finde ich es, dass wir durch die Erzählungen der Frauen von ihrem bisherigen Leben viel über die Welt erfahren.“ An der hsg studiert Krawczyk im fünften Semester ‚Gesundheit und Diversitiy‘ im Bachelor-Studiengang.

 

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Unterstützt beim Bildungscafé im Bochumer Stadtteil Hustadt: Studentin Kristina Krawczyk. Sie studiert im fünften Bachelor-Semester 'Gesundheit und Diversity' an der Hochschule für Gesundheit. Foto: privat

Lachen und Weinen

„Ein paar Frauen warten immer schon auf uns, bevor es mit dem Begegnungscafé losgeht“, erzählt Rangnow. In dem orangegestrichenen Raum im Stadtteiltreff setzen sich dann alle um einen Tisch zusammen, trinken schwarzen Tee mit viel Zucker und essen Obst. Ungefähr zehn Frauen sind jedes Mal dabei. Immer können auch Kinder mitgebracht werden, auf die dann Axin Yilderim, eine Mitarbeiterin des IFAK, in einem Nebenraum aufpasst. Die Studentinnen lenken derweil die Gespräche im Begegnungscafé und achten darauf, dass möglichst viel Deutsch gesprochen wird: Mal werden Kochrezepte ausgetauscht, um ins Gespräch zu kommen, mal wird über Gesundheitsthemen diskutiert und einmal wurden auch schon die Buchstaben des Alphabets zusammen gelernt. Dabei haben die Frauen immer wieder Nachfragen zu bestimmten Formulierungen in der deutschen Sprache und sie helfen sich gegenseitig, wenn zum Beispiel einer ein deutsches Wort nicht einfällt.

„Es wird natürlich viel zusammen gelacht, aber es kommen auch mal Tränen“, beschreibt Falge die Stimmung im Begegnungscafé. Schließlich kommen die Frauen aus Kriegsgebieten und haben alles verloren. Oft fängt die Traumatisierung erst hier in Deutschland an, wo die Frauen bei Null anfangen müssen, ihnen jegliche Unterstützung fehlt und sie sich mit ihren Familien fallen gelassen fühlen“, weiß Falge. Genau hier setzt das Begegnungscafé an und stellt eine Struktur dar, die bei der Integration Hilfe bietet.

„Wir Studierende erlangen durch unseren Einsatz beim Begegnungscafé im Gegenzug viel interkulturelle Kompetenz“, berichtet die hsg-Studentin Kristina Krawczyk. „Ein Kopftuch ist ja zum Beispiel häufig mit Vorurteilen wie Unterdrückung und Verschlossenheit behaftet. Wenn ich jedoch sehe, wie selbstbewusst, offen und motiviert die Frauen sind, dann kann ich fast nicht glauben, dass es diese Vorurteile immer noch gibt“, erklärt sie weiter.

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Die Teilnehmerinnen des Begengnungscafés und ihre Kinder machten einen Ausflug zum Kemnader See in Bochum. Ganz links im Bild steht Prof. Dr. Christiane Falge. Foto: privat

Ausflug an den Kemnader See

„Die Frauen freuen sich wirklich über die Unterstützung im Begegnungscafé und sind sehr herzlich zu uns“, sagt Falge. So kam es auch, dass sich die Frauen bei den engagierten Kräften von der Hochschule für Gesundheit bei einem Ausflug bedankt haben: Am Kemnader See in Bochum wurde ein nettes Beisammensein für alle Teilnehmerinnen des Begegnungscafés einschließlich Bootsfahrt geplant, bei dem auch die Kinder der Frauen dabei waren. Die Frauen vom Begegnungscafé haben hierfür ein Picknick mit reichlich gekochten Leckereien vorbereitet. „Wir hatten das Gefühl, dass sie sehr froh waren, endlich selber etwas zu geben anstatt nur Empfängerinnen zu sein“, deutet Falge diese Geste.

Mit vollgeschlagenen Bäuchen ging es dann mit den Tretbooten auf den See. Dabei kam heraus, dass weder die Frauen noch die Kinder schwimmen konnten, so dass sich zunächst alle in knallorangefarbene Schwimmwesten zwängen mussten. Doch die meisten Frauen trauten es sich nicht zu, die  Tretboote mit den Füßen in Bewegung zu bringen. „Aber es fanden sich dann doch einige Mutige, die in die Pedale traten und unaufhörlich Selfies von ihrer neu erlangten Kompetenz schossen,“ erinnert sich Rangnow zurück und muss lachen. Schließlich hat die Ausflugstruppe dann aber doch ein paar Meter auf dem Wasser zurückgelegt und trocken wieder das Land erreicht.

„Wir haben zusammen gelacht, geredet und getanzt“, beschreibt Rangnow das gemeinsame Erlebnis. Dabei wurde das Gruppengefühl gestärkt und die Frauen haben sich noch etwas besser kennen gelernt. Erst bei Einbruch der Dunkelheit sind alle glücklich und erschöpft wieder Heim gefahren. Und abends wurden dann noch schnell die rund 100 Fotos, die die schönsten Momente des Tages festhalten sollten, in der gemeinsamen Whats-App-Gruppe ausgetauscht.


Das Begegnungscafé findet jeden Mittwoch im Semester ab 18 Uhr im Stadtteiltreff in der Hustadt statt. Interessierte Frauen aus der Hustadt sind herzlich willkommen. Bei Fragen kann eine Mail an Pia Rangnow (prangnow@hs-gesundheit.de) und/oder Kristina Krawczyk (kkrawczyk@hs-gesundheit.de) geschrieben werden.


Text: Dr. Anna Knaup, Online-Redakteurin des hsg-magazins

Aufmacher: hsg. Zu sehen sind von links nach rechts Pia Rangnow und Prof. Dr. Christiane Falge.

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