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Die Psychosoziale Beratung hilft

Brigitta Haberland und Lena Sauerland (Foto) arbeiten bei der Psychosozialen Beratung an der Hochschule für Gesundheit (hsg). Bei den beiden können die Studierenden der hsg ihr Herz ausschütten. Im Interview mit dem hsg-magazin berichten sie unter anderem darüber, warum es manchmal gut tut, mit Personen außerhalb der Familie oder des Freundeskreises zu sprechen und welche Fragen in der Psychosozialen Beratung am häufigsten gestellt werden.

Wer genau darf zur Psychosozialen Beratung kommen?

Brigitta Haberland: Die Beratung richtet sich an Studierende der hsg, die das Gefühl haben, dass ihnen im Moment alles über den Kopf wächst und sie ihr Studium oder Bereiche ihres Privatlebens kaum noch schultern können.

Welche typischen Fragen stellen Studierende in der Sprechstunde?

Lena Sauerland: Viele Studierende kommen mit dem Wunsch, die eigene Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit zurück zu gewinnen oder wollen für eine bestimmte Frage die richtige Hilfe finden.

Haberland: Viele Studierende  fühlen sich wie in einer Sackgasse, haben keine Kraft mehr oder haben den Eindruck, in einer Zwickmühle zu sitzen. Sie wissen nicht mehr vor und zurück.

Sauerland: Für manche Studierende geht es vor allem darum, sich von der Seele reden zu können, was sie belastet, und zu wissen, die angesprochene Mitarbeiterin der Psychosozialen Beratungsstelle hört unvoreingenommen und wertschätzend zu und wird mit niemandem darüber sprechen. Es gibt hier keinen Lebensbereich, der nicht als Thema vorkommt. Aber natürlich haben viele Belastungssituationen, in die die Studierenden kommen, oft auch direkt mit dem Studium zu tun oder wirken sich negativ auf die Konzentrations- und Leistungsfähigkeit aus. Viele erleben das Studium gerade zu Anfang, während der Praxisphasen und zum Ende als hoch belastend. Ihnen gehen dann Fragen durch den Kopf wie: Ist es das richtige Studium? Will ich das wirklich beruflich machen? Lohnt sich diese Anstrengung? Und natürlich beschäftigt viele auch der Zweifel, ob sie den Leistungsanforderungen gewachsen sind.

Haberland: Auch die persönlichen Studienbedingungen spielen oft eine Rolle. Wir versuchen dann gemeinsam mit den Studierenden dieses emotionale Dilemma zu entwirren, mit dem Ziel die Blockade aufzulösen und wieder entscheidungsfähig zu werden. Manche müssen sich zum Beispiel nebenher selbst finanzieren, haben Kinder oder kranke Angehörige. Gerade in Prüfungszeiten kann dann der Druck sehr hoch sein. Aber auch bei den anderen geht es um Fragen wie diese: Wie bekomme ich meine Ängste vor der Prüfung in den Griff, wie finde ich einen Weg aus meinem Motivationstief im Studium oder wie finde ich in einer fremden Stadt Freunde, auf die ich mich verlassen kann oder wie schaffe ich es, persönliche Grenzen bei bestimmten Themen oder Arbeitsformen zu schützen?

Sauerland: Viele Studierende kommen auch, weil sie sich aufgrund einer depressiven Verstimmung oder Erkrankung schlecht und antriebslos fühlen und ihre düsteren Gedanken nicht loswerden. Manchmal stecken sie in schweren Lebenskrisen, ausgelöst durch Krankheit, Tod oder Trennung oder haben große existentielle oder finanzielle Sorgen.

Es ist also auch möglich, in persönlichen Fragen von Ihnen beraten zu werden. Oder muss die Beratung doch in einem hochschulischen Kontext stehen?

Haberland: Universitärer Kontext und persönliche Fragen sind schwer zu trennen. Die persönliche Lebenssituation und Fragen oder Sorgen in diesem Bereich haben sehr oft auch Einfluss auf den Verlauf des Studiums und Studienerfolg. Wenn ich zum Beispiel nicht weiß, wie ich den Konflikt mit meiner Familie oder in der Partnerschaft lösen soll oder wenn ich mir große Sorgen um Freunde oder andere nahestehende Menschen mache, bindet das viel meiner Energie. Ich schlafe dann vielleicht schlecht und kann mich immer weniger konzentrieren oder habe, weil ich plötzlich viele private Dinge regeln muss, kaum noch Zeit für mein Studium. Von daher unterscheiden wir hier nicht zwischen persönlichen und universitären Kontexten.

Warum ist es vielleicht wichtig, auch mal mit Personen außerhalb der Familie oder des Freundeskreises zu sprechen?

Sauerland: Der wichtigste Grund ist sicher, dass eine außenstehende Person eine neue, unbelastete Sichtweise einbringen kann. Der Abstand ist manchmal nötig, um gemeinsam um die Ecke denken zu können. So kann es schon helfen, einen neuen Blick auf Vertrautes zu werfen, Festgefahrenes vielleicht zu hinterfragen und die Dinge wieder neu zusammenzusetzen. Dabei sind mir die Ressourcen und Stärken, die jeder Mensch in sich trägt, besonders wichtig. Die eigenen Fähigkeiten  entdecken und zeigen zu dürfen, wird oft als sehr bereichernd empfunden. Durch unsere Ausbildungen und verschiedene Fortbildungen können wir auf einen großen Methodenkoffer zurückgreifen. Gespräche können ernst aber auch humorvoll sein, sind aber immer vertrauensvoll und wertschätzend.

Haberland: In vertrauten Beziehungen knüpfen die Gesprächspartner*innen in der Regel an frühere Erfahrungen miteinander an. Das kann gut sein, wenn die Vertrauensbasis stimmt. Manchmal aber können diese Erfahrungen das Gespräch auch sehr stören, wenn zum Beispiel das Bild von einander so fest ist, dass man sich nicht mehr wirklich zuhören kann oder alte Verletzungen aktiviert werden.

Sauerland: Und natürlich gibt es auch Gesprächsthemen, mit denen wir die Menschen in unserem näheren Umfeld nicht mehr oder noch nicht belasten wollen oder können. Ein anderer Grund kann auch sein, dass wir uns selbst erst einmal mehr Klarheit verschaffen wollen oder niemanden in Loyalitätskonflikte bringen wollen. Gerade bei Krankheit, Trennung, Tod oder finanziellen Nöten sind oftmals auch nahestehende Menschen mitbelastet.

Haberland: Und dann ist da sicher auch die Verschwiegenheit. Ich möchte vielleicht nicht, dass jemand in meinem Umfeld von meinen Sorgen oder Gedanken weiß. Manchmal möchte ich einfach auch nur ausschließen können, dass über mich und meine Fragen gesprochen wird.

Und wie sieht es in der Psychosozialen Beratung mit der Schweigepflicht aus?

Haberland: Frau Sauerland und ich unterliegen beide der Schweigepflicht.

Wie oft kann man Sie eigentlich mit einem Problem in der Psychosozialen Beratung aufsuchen und wie lange darf ein Gespräch dauern? Gibt es irgendwelche zeitlichen Grenzen?

Sauerland: Die Psychosoziale Beratung kann mehrfach in Anspruch genommen werden. Sie soll und kann allerdings keine Therapie ersetzen. Bei manchen Anliegen macht es Sinn, nach dem Erstgespräch noch weitere Gespräche zu vereinbaren. Das hängt von der Situation und dem Bedarf ab. Ein Gespräch dauert in der Regel bis zu einer Stunde. Aber es gibt auch Ausnahmen. Manche Gespräche sind sehr kurz, weil es vielleicht nur um Sachfragen geht, andere brauchen auch mal mehr Zeit. Oft profitieren die Ratsuchenden aber auch von unserem Netzwerk und finden mit unserer Unterstützung die richtige Ansprechpartnerin beziehungsweise den richtigen Ansprechpartner oder, bei Bedarf, einen Therapieplatz.

Gibt es vielleicht etwas, das Sie gerne allen Studierenden raten würden?

Haberland: Ja. Die Studierenden sollten sich selbst – auch im Studium – wichtig sein. Und sie sollen wissen, dass wir vieles schaffen können. Aber es gibt eben auch Situationen, da muss man das eigene Herz in die Hand nehmen und über seinen Schatten springen und sich Hilfe holen.

Sauerland: Trauen Sie sich und kommen Sie in die Psychosoziale Beratung – und zwar so, wie Sie sind!


Die Psychosoziale Beratung an der hsg ist kostenlos und findet alle 14 Tage am Dienstag von 13:00 bis 16:00 Uhr im Raum B-0104 an der hsg statt. Die genauen Termine können hier nachgelesen werden. Damit keine unnötigen Wartezeiten entstehen, wird um eine Terminvereinbarung gebeten. Kontakt: haberland@evh-bochum.de und sauerland@evh-bochum.de. Die Psychosoziale Beratung an der hsg findet in Kooperation mit der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe statt.


Das Interview führte Dr. Anna Knaup, Online-Redakteurin des hsg-magazins

Aufmacher: hsg. Zu sehen ist Lena Sauerland.

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