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DAS ONLINE-MAGAZIN DER HOCHSCHULE FÜR GESUNDHEIT IN BOCHUM

Akademisierung stellt Versorgungsqualität sicher

Worin besteht für Sie der Mehrwert der Akademisierung in den Gesundheitsfachberufen? Das hat das hsg-magazin Prof. Dr. Andreas Gerber-Grote gefragt. Er ist Direktor des Departements Gesundheit an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW).

Prof. Dr. Andreas Gerber-Grote: „Aha, einen Master in Hebamme. Braucht es den für Zwillingsgeburten?“ Mein Gegenüber, ein emeritierter Direktor im Bereich Ingenieurswissenschaften lacht, nachdem ich ihm erzählt habe, dass Hebammen nach dem Bachelor auch einen Master am Departement Gesundheit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) machen können. Eine Reaktion, die im deutschsprachigen Raum typisch ist, wenn es um die Akademisierung der Gesundheitsberufe geht: Das Bild der Händchen haltenden Pflegefachperson mit dem Herz am rechten Fleck, in Deutschland nach wie vor als Krankenschwester bezeichnet, ist immer noch in unseren Köpfen. Es geistert jeden Abend durch diverse Fernsehserien und vermittelt der Bevölkerung ein Bild von vorgestern.

Dabei wollen wir doch alle eins: Im Krankheitsfall oder eben bei einer Schwangerschaft sicher und mit guter Qualität versorgt, respektvoll behandelt und angemessen informiert zu werden. Von Ärzt*innen erwarten wir daher, dass sie studiert haben, sich regelmässig fortbilden und das neueste Wissen in ihrem Fachgebiet kennen und anwenden. Angesichts vieler unbeantworteter Fragen, wie manch seltene Krankheit überhaupt behandelt werden kann, brauchen wir auch Ärzt*innen, die forschen, um beispielsweise ein neues chirurgisches Verfahren zu entwickeln. Nur dank solcher Forschungsarbeit ist es heute möglich, dass ein Hüftgelenk minimalinvasiv ausgetauscht werden kann und sich Patient*innen nach wenigen Tagen mit Gehstützen wieder bewegen können.

Akademisierung stellt Qualität sicher

Wenn wir all das, was wir von unseren Ärzt*innen erwarten, auch von den anderen Expert*innen im Gesundheitswesen verlangen – von Physiotherapeut*innen, Pflegefachkräften oder Hebammen – dann ist es nur folgerichtig, dass auch sie akademisch ausgebildet sind und den aktuellen Stand der Wissenschaft in ihrem Gebiet kennen und umsetzen können. Und dass sie bei offenen Fragen, zum Beispiel ob Geburtsvorbereitungskurse tatsächlich den Verlauf der Geburt positiv beeinflussen, auch bereit und fähig sind, die notwendigen Studien anzustossen.  Für die Qualität der Versorgung, die wir fordern, ist es somit essenziell, dass wir akademisch ausgebildete Gesundheitsfachpersonen haben.

Nicht nur reines Handwerk

Fragt heute noch irgendjemand, warum Zahnärzt*innen studieren müssen? Dabei konnten noch bis Anfang der 1950er Jahre, sogenannte Dentisten ohne akademische Ausbildung Zahnbehandlungen vornehmen. Man könnte genauso argumentieren wie bei anderen Gesundheitsberufen: Zähne ziehen und Plomben setzen ist doch reines Handwerk, das auch in einer nicht-akademischen Ausbildung erworben werden kann. Doch so einfach ist es dann doch nicht, wenn es um unsere Zahngesundheit geht.

Wissenschaft in der Ausbildung und damit die Vollakademisierung der Gesundheitsberufe sind heute in vielen, unter anderem auch europäischen Ländern längst Standard. Sie sichern eine qualitativ hochwertige Versorgung der Patient*innen. Die studierten Fachleute können eine evidenzbasierte Praxis umsetzen, weil sie die Studien und Leitlinien verstehen. Nur mit einem wissenschaftlich fundierten Studium sind Gesundheitsfachleute befähigt, Innovationen weiterzuentwickeln und Studien zu planen, um für so ‚banale‘ Fragen wie die Vermeidung von Stürzen oder den Umgang mit dementen Menschen im Spital gute Lösungen zu finden.

So wie Deutschland einst als die ‚Apotheke der Welt‘ galt, sollte es eine Rolle einnehmen in der Versorgungsforschung der Gesundheitsfachberufe. Die Bevölkerung erwartet Antworten auf die drängendsten Fragen in diesem Bereich. Bleiben sie unbeantwortet, droht die Versorgungsqualität zu sinken.


Text: Prof. Dr. Andreas Gerber-Grote. Der Text erschien am 13. Februar 2020 im hsg-magazin.

Aufmacher: Das Bild zeigt Prof. Dr. Andreas Gerber-Grote bei der Dreiländertagung an der hsg Bochum. Foto: hsg Bochum/WolfgangHelmFotografie

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