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Hebammenkunde neu aufgelegt

Prof.in Dr.in Nicola Bauer ist Hebamme und seit 2010 Professorin im Studienbereich Hebammenwissenschaft an der Hochschule für Gesundheit (hsg Bochum). Gemeinsam mit Andrea Stiefel und Karin Brendel hat sie eine Neuauflage des Lehrbuches ‚Hebammenkunde‘ erarbeitet. Das Werk ist am 2. September 2020 im Thieme Verlag erschienen. Im Interview mit dem hsg-magazin spricht Bauer über ihre Arbeit an dem Lehrbuch.

Das Buch ‚Hebammenkunde‘ wurde 1995 zum ersten Mal veröffentlicht und ist nun in kompletter Neuauflage erschienen. Was sind die größten Veränderungen dieser sechsten Auflage im Vergleich zur ersten?

Prof.in Dr.in Nicola Bauer: Die erste Auflage im Jahr 1995 war das allererste Lehrbuch für Hebammen in Deutschland, dass ausschließlich von Hebammen verfasst wurde. In meiner Ausbildung von 1985 bis 1988 wurde noch das Lehrbuch von Professor Martius, Gynäkologe und Geburtshelfer, verwendet. Sehr stolz hat mich gemacht, dass mit Christine Geist und Gabriele Kriegerowski-Schröteler, zwei meiner ehemaligen Hebammenlehrerinnen der Hebammenschule Berlin-Neukölln, Initiatorinnen und Herausgeberinnen der ersten Auflage waren.

Wenn ich zurückblicke, hat sich auf jeden Fall der Umfang verändert – die erste Auflage umfasste 576 Seiten, jetzt sind es 1141 Seiten. Aber auch das Tätigkeitsspektrum und das Kompetenzprofil der Hebammen hat sich in den letzten 25 Jahren verändert und das spiegelt sich auch im Umfang des Buches wider. Heutzutage decken Hebammen Tätigkeiten in der gesamten reproduktiven Lebensphase von Familienplanung, Schwangerschaft über Geburt, Wochenbett, Stillzeit bis zum ersten Geburtstag des Kindes ab – und das im klinischen wie auch außerklinischen Bereich.

Zudem werden die Aussagen in dem Buch nun mit wissenschaftlichen Quellen belegt. Das war in den Anfangsjahren so noch nicht möglich, weil es wenige Studien im geburtshilflichen Bereich in Deutschland gab und die Verwendung von englischsprachiger Literatur noch nicht üblich war. Außerdem wurde die Auflage auf den deutschsprachigen Raum, also Deutschland, Österreich und die Schweiz, ausgedehnt. Die 46 Autorinnen aus Praxis, Berufspolitik, Lehre und Forschung kommen aus diesen drei Ländern.

Im September 2019 – also während des Entstehungsprozesses der aktuellen Auflage – wurde das neue Hebammengesetz verabschiedet, das vorsieht, dass künftig alle angehenden Hebammen ein duales Studium absolvieren. Wie hat sich diese Reform der Hebammenausbildung auf das Buch ausgewirkt?

Bauer: Leider konnten wir das neue Hebammengesetz sowie die neue Studien- und Prüfungsverordnung für Hebammen nicht in das Buch mit integrieren, da die neuen gesetzlichen Regelungen erst Anfang 2020 in Kraft getreten sind. Zu diesem Zeitpunkt war die Produktion des Buches schon zu weit fortgeschritten. Aber auch schon lange vor dem Beginn des Planungsprozesses für die neue Auflage war für uns Herausgeberinnen klar, dass ‚die Hebammenkunde‘ einem akademischen Standard entsprechen sollte, sodass es im Studium eingesetzt werden kann.

Die erste Idee zu einer Modifikation der Hebammenkunde hatten Andrea Stiefel und ich bereits 2011 bei einem Mittagessen während des Internationalen Hebammenkongresses in Durban in Südafrika. Aus meiner Erfahrung als Professorin für Hebammenwissenschaft sehe ich die Notwendigkeit nach einem Grundlagen-Lehrbuch. Im Studium müssen Hebammenstudierende aber auch andere Quellen – wie internationale Publikationen – hinzuziehen und können sich nicht nur auf ein Lehrbuch verlassen.

In dem Lehrbuch wird auch die historische Entwicklung des Hebammenberufes thematisiert. Warum ist es besonders für Hebammen wichtig, die Geschichte ihrer Profession zu kennen?

Bauer: Die Hebammenwissenschaft ist noch eine sehr junge Disziplin und befindet sich im Prozess der Professionalisierung. 2008 wurde die Deutsche Gesellschaft für Hebammenwissenschaft (DGHWi) gegründet, seit 2010 war durch die Modellklausel auch die Hebammenausbildung an der Hochschule möglich. Und inzwischen existieren in jedem Bundesland mehrere Studienstandorte mit Hebammenstudiengängen und Professorinnen für Hebammenwissenschaft. Die Hebammenforschung nimmt an Fahrt auf. Hier an der hsg Bochum haben wir seit 2018 den Schwerpunkt ‚Midwifery & Reproductive Health‘ im Institut für Angewandte Gesundheitsforschung mit etlichen Forschungsprojekten und aktuell sieben Doktorandinnen.

Nichtsdestotrotz ist es aus meiner Sicht wichtig, dass Hebammen sich an ihre Wurzeln erinnern. Viel Hebammenwissen ist über Jahrhunderte hinweg mündlich überliefert worden und es ist viel Erfahrungswissen vorhanden. Dieses Erfahrungswissen, evidenzbasierte Studienergebnisse und die Sicht der betreuten Frauen müssen nun gut miteinander verbunden werden. Ziel ist eine optimale, frau-zentrierte Versorgung von Frauen, ihren Kindern und Familien.


Prof.in Dr.in Nicola Bauer

  • Seit 2010: Hauptberufliche Professorin für Hebammenwissenschaft an der Hochschule für Gesundheit Bochum
  • 2010: Promotion zur Doktorin der Philosophie (Dr. phil.) im Fachbereich Humanwissenschaften an der Universität Osnabrück – Thema: „Das Versorgungskonzept Hebammenkreißsaal und die möglichen Auswirkungen auf Gesundheit und Wohlbefinden von Mutter und Kind“
  • 2004-2010: Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Verbund Hebammenforschung an der Hochschule Osnabrück
  • 1997- 2001: Studium Pflege/Pflegemanagement an der Evangelischen Fachhochschule Berlin – Diplomarbeit: „Gesellschaftliche und ethische Aspekte der pränatalen Diagnostik. Konsequenzen für die Beratung im Kontext der vorgeburtlichen Untersuchungen“, Abschluss: Diplom-Pflegewirtin (FH), Gesamtnote: Sehr gut mit Auszeichnung
  • 1988 – 1999: Klinische und außerklinische Hebammentätigkeit (Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett)
  • 1985 – 1988: Ausbildung zur Hebamme an der Hebammenschule Berlin-Neukölln

Das Interview führte Judith Merkelt-Jedamzik, Online-Redakteurin des hsg-magazins. Es erschien am 27. Oktober 2020 im hsg-magazin.

Aufmacher: Zu sehen ist Prof.in Dr.in Nicola Bauer. Foto: privat

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