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Kollegiale Beratung

Dr. Tanja Segmüller ist Vertretungsprofessorin für Alterswissenschaften an der Hochschule für Gesundheit (hsg) und bei der Deutschen Gesellschaft für Pflegewissenschaft (DGP) Sprecherin der Sektion ‚Beraten, Informieren, Schulen‘. Beim DGP-Sektionstag am 13. April 2018, der in diesem Jahr an der hsg stattfindet, hält Segmüller einen Vortrag über die Methode der ‚Kollegialen Beratung‘. Im Interview mit dem hsg-magazin erzählt sie, was es mit der DGP und der Methode auf sich hat.

Was ist eigentlich die DGP?

Tanja Segmüller: Die Deutsche Gesellschaft für Pflegewissenschaft, kurz DGP, ist eine Fachgesellschaft für Pflegende. Hier soll neues Wissen für Pflegende generiert werden. Außerdem bringt sich die DGP in politische Diskurse mit ein.

Wie sind Sie auf die DGP aufmerksam geworden?

Segmüller: Ich wurde schon als Studierende von meinen Dozent*innen darauf hingewiesen, dass es sinnvoll ist, in einer Fachgesellschaft zu sein. So bin ich bereits als Studierende Mitglied geworden. Beim ersten DGP-Hochschultag, der übrigens in jedem Jahr speziell für Studierende veranstaltet wird, habe ich dann auch direkt mit meiner Gruppe einen Poster-Preis gewonnen. Schon im nächsten Jahr habe ich den Tag an der Universität Witten/Herdecke mitorganisiert.

Ich finde es absolut sinnvoll, bereits als Studierende*r Mitglied in einer Fachgesellschaft zu werden. Das kann ich nur empfehlen. Wer sich hierbei unsicher ist, kann übrigens gerne mal zum Reinschnuppern bei einem Sektions-Treffen der DGP vorbeischauen.

Was ist Ihre Rolle bei der DGP?

Segmüller: Die Gesellschaft ist in elf verschiedene Arbeitsgruppen eingeteilt, die ‚Sektionen‘ heißen. Ich leite inzwischen die Sektion ‚Beratung, Information, Schulung‘, die ich mitaufgebaut habe. Dafür haben wir uns vor über zehn Jahren mit ein paar Kolleg*innen aus der Pflege zusammengetan und bei der DGP den Vorschlag für diese Sektion eingereicht. Nach der Gründung hat erst Dr. Angelika Zegelin, die zum damaligen Zeitpunkt an der Universität Witten-Herdecke tätig war, diese Arbeitsgruppe geleitet. Bei ihr habe ich auch in Witten/Herdecke Pflegewissenschaft studiert. Als sie in den Ruhestand gegangen ist, habe ich die Leitung übernommen. Inzwischen sind wir ungefähr 15 Kolleg*innen aus der Wissenschaft, verschiedenen Krankenhäusern, Altenheimen, Kranken- und Altenpflegeschulen – also aus unterschiedlichsten Bereichen der Pflege.

Und worum genau geht es in der Sektion?

Segmüller: In der Arbeitsgruppe ‚Beratung, Information, Schulung‘ geht es zum Beispiel darum, wie man gute Patientengespräche führen kann, also Gespräche, in denen die Patient*innen über ihre Krankheit informiert, getröstet oder ermutigt werden. In diesem Zusammenhang haben wir gelernt, dass man nur dann wirklich gute Gespräche führen kann, wenn es einem selber gut geht. Es ist also wichtig, dass Pflegende sich ab und zu Belastendes von der Seele reden und neue Lösungsstrategien für die eigenen Probleme im Berufsalltag entwickeln können. In diesem Zusammenhang kann die Kollegiale Beratung helfen.

Was genau ist denn eigentlich die ‚Kollegiale Beratung‘?

Segmüller: Die Kollegiale Beratung ist eine Art Team-Besprechung. Das Team setzt sich hierfür zusammen und berichtet über Erlebnisse aus dem Berufsalltag. Auch von psychischen Belastungen oder kleinen Traumatisierungen soll in dieser Runde gesprochen werden, also eigentlich über alles, was ich als Pflegeperson erlebt habe und was mir nun nicht mehr aus dem Kopf geht. Die Aufgabe der Kolleg*innen ist es dann, sich zu überlegen, welche Lösungsmöglichkeiten  es gibt und wie man mit bestimmten Situationen umgehen kann.

Ist Kollegiale Beratung also eine Art Supervision?

Segmüller: Ähnlichkeiten bestehen da schon. Bei einer Supervision moderiert eine psychologisch geschulte Person.  Bei der Kollegialen Beratung wird diese Moderationsrolle vom Team selbst übernommen. Die Idee hinter der Methode ist, dass die Expertise für eine Lösung schon im eigenen Team vorhanden ist: In der Regel hat man viele verschiedene Kolleg*innen, also ein diverses Team. Da sollte doch immer irgendjemand eine gute Idee haben, wie man dieses oder jenes Problem bewältigen könnte.

Für die Leitungsebene ergibt sich daraus auch ein großer Vorteil: Es muss nicht erst ein/e Supervisor*in eingekauft werden. Bei der Kollegialen Beratung können die Kolleg*innen die Expertise im eigenen Haus nutzen und sich selber helfen.

Warum ist die Methode für Pflegende relevant?

Segmüller: Die Kollegiale Beratung ist eine Methode, die die beruflichen Beanspruchungen und Belastungen reduzieren kann. Pflegende steigen ja in der Regel nicht aus dem Beruf aus, weil sie zu wenig verdienen, obwohl eine angemessene Bezahlung natürlich auch ein wichtiger Punkt ist. Der Hauptgrund, warum Pflegende aus dem Berufsleben aussteigen, hängt mit einem oft sehr hohen persönlichen Ethos zusammen, also mit einem hohen Werteverständnis. Pflegende wollen Menschen helfen. Dann treffen sie aber in der Berufspraxis auf schlechte Arbeitsbedingungen und es entsteht ein Missverhältnis zwischen der eigenen Anspruchshaltung und den beruflichen Gegebenheiten. Auf Dauer kann das Erleben eines derartigen Missverhältnisses psychisch krank machen. Pflegende sind dann psychisch überlastet und gehen von der Arbeit mit einem schlechten Gefühl nach Hause, obwohl sie ihre ganze Kraft in die Arbeit gesteckt haben. Hier kann Kollegiale Beratung hilfreich sein: Wenn man solche Erlebnisse mit Kolleg*innen besprechen und bearbeiten kann, trägt dies zur psychischen Gesundheit bei. Außerdem wird das Teamgefühl gestärkt, wenn Pflegende sehen, dass sie kompetente Kolleg*innen haben, die sich ihren Sorgen und Nöten annehmen und Lösungen anbieten können.

"Die Kollegiale Beratung ist eine Methode, die die beruflichen Beanspruchungen und Belastungen reduzieren kann", Dr. Tanja Segmüller, Vertretungsprofessorin an der hsg.

Kann die Methode auch schon für Studierende oder Berufsanfänger*innen hilfreich sein?

Segmüller: Ja, eigentlich ist die kollegiale Beratung sogar gerade für junge Pflegende eine tolle Möglichkeit, denn hierbei kann man sozusagen auf Vorrat lernen: Wenn ich etwas über die Situationen der anderen in meinem Team höre, dann lerne ich etwas, das ich vielleicht später selber brauche kann. Falls ich selber mal in einer ähnlichen Situation bin, kann ich mich daran erinnern, dass wir schon mal darüber gesprochen haben und ich kann die damaligen Lösungsansätze für mich und meine aktuelle Situation anwenden. Die Kollegiale Beratung hat also gleich mehrere sehr gute Dimensionen, die auch für Studierende und Berufsanfänger*innen erlebbar sind. Der einzige kleine Haken ist, dass man etwas methodisches Verständnis braucht.

Was haben Sie denn bisher bereits im Zusammenhang mit der Kollegialen Beratung erreicht?

Segmüller: Die Kollegiale Beratung ist ja eine Methode, die sich in den Vierzigerjahren des letzten Jahrhunderts in den USA entwickelt hat und dort inzwischen sehr gut etabliert ist. In unserer Sektion machen wir uns dafür stark, dass das Konzept vermehrt auch in Deutschland in der Pflege angewendet wird. In Deutschland hat zum Beispiel Prof. Dr. Kim Oliver Tietze, ein Psychologe aus Hamburg, die Methode bekannt gemacht. Mit ihm haben wir uns vor ein paar Jahren getroffen und einen Leitfaden zur Kollegialen Beratung entwickelt. Dieser kann kostenlos auf unserer Sektionsseite heruntergeladen werden. Hier wird kurz und knapp vorgestellt, wie Kollegiale Beratung funktioniert. Es gibt ein Übersichtsblatt zum Ablauf der Methode, das man sich ausdrucken und am Arbeitsplatz aufhängen kann.  Außerdem werden in dem Leitfaden zwei Praxis-Beispiele aufgezeigt, so dass man sich anschauen kann, wie andere Kolleg*innen die Methode bereits genutzt haben.

Den Leitfaden haben wir übrigens erstellt, weil wir uns teils auch als Dienstleister für die Kolleg*innen in der Pflege verstehen und für sie Themen in kurzer und leicht verständlicher Form aufbereiten möchten. So können sie ohne großen zeitlichen oder finanziellen Aufwand etwas lernen.

Es gibt ja neben dem Sektionstag im April 2018 noch eine weitere Veranstaltung der DGP, die in diesem Jahr an der hsg stattfindet. Würden Sie hierzu auch kurz etwas erzählen?

Segmüller: Am 16. November 2018 findet der DGP-Hochschultag an der hsg statt, der sozusagen ein Nachwuchskongress ist. Prof. Dr. Sandra Bachmann, hsg-Professorin im Department für Pflegewissenschaft, hat den DGP-Hochschultag in diesem Jahr für Bochum gewinnen können. Mit dieser Veranstaltung sollen Studierende aus dem Bereich Pflege angesprochen werden. Wir möchten den Studierenden zeigen, wie Wissenschaft funktioniert und bieten ihnen an, Vorträge zu halten oder Poster zu präsentieren. Zu dieser Veranstaltung kommen jedes Jahr ein paar hundert Studierende aus ganz Deutschland. Die Veranstaltung ist also immer sehr gut besucht. Und in diesem Jahr kann man sich ganz nebenbei auch noch die Hochschule für Gesundheit in Bochum anschauen.


Das Interview führte Dr. Anna Knaup, Online-Redakteurin des hsg-magazins.

Foto: hsg

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