hsg-magazin

DAS ONLINE-MAGAZIN DER HOCHSCHULE FÜR GESUNDHEIT IN BOCHUM

Nahrungssicherheit ist Lebenssicherheit

Dr. Shoma Berkemeyer ist an der Hochschule für Gesundheit (hsg) Vertretungsprofessorin für die ‚Methodologie der Gesundheitsforschung‘. Promoviert hat sie über Ernährungsepidemiologie und ist deshalb eine Expertin in Epidemiologie sowie in Ernährungsfragen. Im hsg-magazin wollten wir von ihr wissen, was es eigentlich mit dem Thema ‚Nahrungssicherheit‘ auf sich hat, denn genau darüber wird sie am 7. März 2018 einen Vortrag im Rahmen des 55. Wissenschaftlichen Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Ernährung in Stuttgart halten.

In Deutschland können wir uns zurzeit ja eigentlich gar nicht vorstellen, dass unsere Nahrung nicht gesichert sein könnte. Warum sollten wir uns zu dem Thema dennoch Gedanken machen?

Shoma Berkemeyer: Wir leben in einer globalisierten Welt. Menschenwanderungen gab es schon immer und es gibt sie immer noch. Einer der primären Gründe der Wanderungen ist der Wunsch nach Nahrungssicherheit beziehungsweise die Knappheit von Nahrung vor Ort. Denn Nahrungssicherheit ist auch mit Lebenssicherheit verbunden. Ungefähr einer von neun Menschen in der Welt hat nicht genug Nahrung, um gesund leben zu können. Deshalb müssen auch wir in Deutschland uns, als Teil der globalisierten Welt, darüber Gedanken machen.

Aber auch direkt hier in Deutschland spielt Nahrungssicherheit eine Rolle, denn die Verteilung der Güter, dazu zähle ich auch Nahrung, nimmt einen gewissen Stellenwert in der Gesellschaft ein. Wir brauchen uns in diesem Zusammenhang nur an die aktuelle Diskussion über ‚Die Tafel‘ in der Stadt Essen erinnern. Nahrungssicherheit, im weitesten Sinne, ist also ein ziemlich relevantes Thema – auch hier, mitten im Ruhrgebiet.

Wann wäre denn eine Nahrungssicherheit hergestellt? Was genau braucht es dazu?

Berkemeyer: Vom FAO, also der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, wurde im ‚World Food Summit‘ von 1996 die Sicherstellung der Nahrung so definiert, dass Nahrungssicherheit dann besteht, wenn alle Menschen jederzeit physischen und ökonomischen Zugang zu ausreichend vielen, sicheren und nahrhaften Lebensmitteln haben, die ihren Ernährungsbedürfnissen und -präferenzen für ein aktives und gesundes Leben entsprechen.

Können wir vielleicht in unserem Alltag auf etwas achten, um zur Nahrungssicherheit beizutragen? Oder ist das eher ein Thema, das auf höherer gesellschaftlicher Instanz geregelt werden muss?

Berkemeyer: Jean Anthelme Brillat-Savarin, ein französischer Schriftsteller, Jurist und Gastronom, hat gesagt: „Sage mir, was du isst, und ich sage dir, wer du bist.“  Nahrung hat also stets auch einen kulturellen und gesellschaftlichen Aspekt. Gewollt oder ungewollt leistet jeder Mensch auf unserer Erde seinen Teil zum Thema Nahrungssicherheit. So leiden die Bauern in Bolivien zum Beispiel unter der aktuellen Beliebtheit von Quinoa, das bei uns als ‚Super-Food‘ im Trend ist. Dadurch bedingt gibt es weltweit eine hohe Nachfrage nach Quinoa, aus der unter anderem ein hoher Preis für die Pflanze resultiert, den mittlerweile nur noch die Erste-Welt-Länder bezahlen können. Als Konsequenz ist das eigentliche Grundnahrungsmittel der bolivianischen Bauern für sie selbst nun nicht mehr bezahlbar. Unser ‚Bedarf‘ führt also nicht zu Wohlstand bei den Erzeugern, sondern verschärft die dortige Nahrungsknappheit. Dass unsere (Nahrungs-)Konsumgewohnheiten mit dem Nahrungskonsum in anderen Teilen der Welt verbunden ist, ist eine Tatsache. Natürlich ist Nahrungssicherheit ein Thema, das auf höherer gesellschaftlicher Ebene geregelt werden sollte, aber auch jeder einzelne kann in seinem Alltag bewusst verzichten. Lokale und saisonale Lebensmittel zu kaufen ist ein Baustein dazu.


Das Interview führte Dr. Anna Knaup, Online-Redakteurin des hsg-magazins

Aufmacher: hsg/Volker Wiciok

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