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DAS ONLINE-MAGAZIN DER HOCHSCHULE FÜR GESUNDHEIT IN BOCHUM

Was ist evidenzbasierte Logopädie?

Pia von Boetticher ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Studienbereich Logopädie an der Hochschule für Gesundheit (hsg Bochum). Im Interview mit dem hsg-magazin erzählt sie, was sich hinter dem weiterbildenden Masterstudiengang ‚Evidenzbasierte Logopädie‘ verbirgt und für wen er das richtige sein könnte. Der Studiengang ist Teil des BMBF-Projekts ‚Aufbau berufsbegleitender Studienangebote in den Pflege- und Gesundheitswissenschaften (PuG)‘ und soll gemeinsam mit dem Masterstudiengang ‚Advanced Nursing Practice‘ zum Wintersemester 2020/2021 an der hsg Bochum starten.

Was versteht man unter evidenzbasierter Logopädie?

Pia von Boetticher: Evidenzbasierung in der Logopädie meint, therapeutische Entscheidungen im Rahmen der Patient*innenversorgung auf Grundlage der besten verfügbaren wissenschaftlichen Informationen zu treffen. Demzufolge sollte zum Beispiel über den Einsatz eines bestimmten Therapieverfahrens erst entschieden werden, nachdem recherchiert wurde, inwieweit diese Methode wissenschaftlich untersucht und bestenfalls ihre Wirksamkeit belegt werden konnte. Da die Logopädie eine noch recht junge Disziplin ist, ist es – denke ich – umso wichtiger, fachspezifische Fragestellungen wissenschaftlich zu untersuchen und der Berufspraxis eigene Ergebnisse zur Verfügung zu stellen, auf deren Basis wiederum ein evidenzbasiertes Arbeiten erst ermöglicht wird.

Was ist eine Dysphagie und wie kann man sie behandeln?

von Boetticher: Unter einer Dysphagie versteht man grundsätzlich eine Störung des Schluckens, von der Menschen aller Altersgruppen betroffen sein können. Der hochkomplexe Schluckakt, der bei uns allen in der Regel nahezu unbemerkt Tag für Tag dafür sorgt, dass Speichel und Nahrung sowie Flüssigkeiten sicher vom Mund in den Magen transportiert werden, ist dann beeinträchtigt.

Häufig sind Schluckstörungen Folge einer neurologischen Grunderkrankung, wie einem Schlaganfall. Je nach Schweregrad bleiben Dysphagien nicht folgenlos – schlimmstenfalls ist der Schutz der unteren Atemwege nicht mehr sichergestellt, sodass die Schluckstörung eine mitunter lebensbedrohliche Infektion, die sogenannte ‚Aspirationspneumonie‘ also eine Lungenentzündung, nach sich ziehen kann. Außerdem können sich Schluckstörungen – egal wie schwer – auch auf das Wohlbefinden der Patient*innen auswirken. Hat der Genuss von Lebensmitteln und Getränken im Leben einer Person einen hohen Stellenwert inne, kann man sich vorstellen, wie negativ sich eine Beeinträchtigung hier auf die Lebensqualität auswirken kann.

Schluckstörungen können sich auf das Wohlbefinden der Patient*innen auswirken

Umso wichtiger ist eine fundierte logopädische Dysphagietherapie, die an der individuellen Problematik der Betroffenen ansetzt. Die Grundlage für eine entsprechende Therapieplanung sollte immer eine umfangreiche Diagnostik sein, anhand derer sich ableiten lässt, welche weiteren Schritte einzuleiten sind. Im Rahmen der Behandlung einer Dysphagie erfolgt dann meist eine Kombination sogenannter restituierender, kompensatorischer und adaptiver Maßnahmen: Man versucht also, Funktionen mittels Übungen wiederherzustellen, eine Einschränkung durch zum Beispiel Haltungsänderungen auszugleichen oder die Auswirkungen von Problemen anhand von Hilfsmitteln, wie spezielle Dysphagiebecher oder auch diätetische Maßnahmen, zu verringern. In meinen Augen sollten Schluckstörungen aufgrund ihrer Komplexität außerdem grundsätzlich in einem multiprofessionellen Team ganzheitlich behandelt werden.

Für wen eignet sich der neue Studiengang?

von Boetticher: Unser weiterbildender Masterstudiengang ‚Evidenzbasierte Logopädie‘ richtet sich an Logopäd*innen und Sprachtherapeut*innen, die bereits über einen ersten hochschulischen Abschluss verfügen, sich berufsbegleitend akademisch weiterbilden und eine Spezialisierung im Bereich Dysphagie erlangen möchten. Schluckstörungen werden im therapeutischen Alltag immer präsenter, sodass eine vertiefte Auseinandersetzung mit diesem Störungsbild im Master einen dazu befähigt, diese Patient*innen verantwortungsvoll und den Standards der evidenzbasierten Praxis entsprechend zu versorgen. Gleichzeitig werden die erforderlichen Kompetenzen erworben, selbst forschend tätig zu werden sowie Projekte im Gesundheitswesen zu managen, und damit einen wichtigen Teil zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung und unserer Patient*innen zu leisten.

Das Studiengangdesign, ein sogenanntes ‚Blended-Learning Format‘, sieht eine begleitende Berufstätigkeit im Umfang von 50% einer vollen Stelle vor. Eine Kombination aus Online- und Präsenzveranstaltungen sorgt dabei für eine größtmögliche raumzeitliche Flexibilität während des Studiums, sodass die Koordination mit etwaigen Familien- oder Pflegeaufgaben erleichtert wird.

Eine weitere Besonderheit des Studiengangs stellt die Variante des Zertifikatsstudiums dar. Interessierte haben hierbei die Möglichkeit, an einzelnen Modulen teilzunehmen und nach erfolgreichem Abschluss ein Weiterbildungszertifikat zu erhalten. Dies eignet sich insbesondere für Therapeut*innen, die Interesse an der fachlichen Vertiefung des klinischen Schwerpunktes haben oder ihr Kompetenzportfolio nur um ausgewählte Bereiche erweitern möchten.


Interview: Die Fragen stellte Judith Merkelt-Jedamzik, Online-Redakteurin des hsg-magazins. Der Text erschien am 18. Februar 2020 im hsg-magazin.

Aufmacher: Zu sehen ist Pia von Boetticher. Foto: hsg Bochum/Volker Wiciok

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