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DAS ONLINE-MAGAZIN DER HOCHSCHULE FÜR GESUNDHEIT IN BOCHUM

Sozialräume partizipativ und digital erkunden

Welche Rolle spielt unser Umfeld für uns Menschen? Wie beeinflusst es unsere Gesundheit und unseren Alltag? Danach fragt der Studiengang ‚Gesundheit und Sozialraum‘ – das Thema Digitalisierung spielt dabei nicht nur in der Forschung eine bedeutende Rolle. Ein Interview mit Prof. Dr. Heike Köckler.

Prof. Dr. Heike Köckler (Professorin für Sozialraum und Gesundheit der hsg), Sie nutzen die Möglichkeiten der Digitalisierung zur Erkundung von Sozialräumen als Professorin für Sozialraum und Gesundheit der hsg.

Was genau versteht man darunter?

Prof. Dr. Heike Köckler: Um Gesundheit oder Gesundheitsförderung zu betreiben, wird immer offensichtlicher, dass diese von vielen Faktoren abhängen. Nicht nur vom eigenen Verhalten, auch von den Verhältnissen, in denen man lebt; und somit auch vom Sozialraum, also beispielsweise der Nachbarschaft, in der man lebt. So belegen Studien, dass die Gesundheit Einzelner weniger beeinträchtigt ist, wenn sie in einem Wohnumfeld leben, in dem viele Mitmenschen ein hohes Einkommen haben. Für Menschen mit körperlicher Behinderung hängt die Möglichkeit selbstbestimmt zu leben davon ab, ob es im Wohnumfeld viele Barrieren gibt.

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„Digitale Medien sind gut geeignet, eine sehr einfache und bildhafte Sprache zu sprechen“, sagt Prof. Dr. Heike Köckler. Foto: hsg

Wie kann man auf den Sozialraum Einfluss nehmen?

Köckler: Da gibt es viele Möglichkeiten, um Gesundheit zu fördern oder gezielte Präventionsmaßnahmen umzusetzen. Kinder und Jugendliche sind ein Thema. Nehmen wir Adipositas, also Fettleibigkeit, von Kindern. Die hängt häufig mit dem Ernährungsverhalten und hohem Medienkonsum zusammen, aber auch mit dem Wohnumfeld: Gibt es ein bewegungseinladendes Umfeld? Kann ich den Weg zur Schule zu Fuß gehen? Wo befinden sich Spielplätze? Und so weiter…

Wie beeinflusst das Wohnumfeld ältere Menschen?

Köckler: Irgendwann sind ältere Menschen auf Hilfe angewiesen, wollen aber zu Hause wohnen bleiben. Da ist es wichtig, ein Netzwerk aufzubauen. Wir nennen den Nutzen aus solchen Netzwerken auch Sozialkapital. Was ist an Nachbarschaftsnetzwerken vorhanden? Gibt es einen/eine Partner*in oder einen/eine Nachbar*in, die oder der sich kümmern kann? Dazu kommen Fragen der ambulanten Pflegedienste, die sich um die zu Pflegenden, aber auch um die pflegenden Angehörigen kümmern. Und natürlich banale Fragen: Wie komme ich aus dem Haus? Wo ist der nächste Arzt oder die nächste Ärztin, die nächste Einkaufsmöglichkeit?

Sie wollen mitten im Quartier arbeiten und forschen. Warum?

Köckler: Wir möchten partizipativ arbeiten, also die Menschen im Quartier fragen, wie ihr Sozialraum aussieht. Bei dieser Forschung kommt die Digitalisierung ins Spiel, denn ich muss auch subjektive Daten erheben können, die mir für einen bestimmten Sozialraum sagen, was ihn ausmacht. Sind die Daten erst einmal digital erhoben, können sie auch wieder an die Menschen vor Ort zurückgegeben werden. Was diese Methoden angeht könnte man in Deutschland weiter sein.

„Gibt es ein bewegungs­einladendes Umfeld? Kann ich den Weg zur Schule zu Fuß gehen?“
Prof. Dr. Heike Köckler

Inwiefern?

Köckler: In den USA gibt es zum Beispiel Möglichkeiten, dass man über eine Internetseite Sozialdaten und Umweltdaten in einem geografischen Informationssystem, mit dem wir auch in den SkillsLabs (Anmerk. d. Red.: Das sind spezielle Lernräume der hsg, die für das praktische Arbeiten und Ausprobieren von Lösungen eingerichtet wurden.) arbeiten, miteinander verschneiden kann – dann kann ich meine Wohnadresse eingeben und sehen, wie hoch dort die Luftbelastung ist, wie weit ich von der Industrie weg bin oder wie nah die nächste Grünfläche ist. In den Niederlanden gibt es ein Projekt, in dem man ein ganz klassisches Smartphone mit einer Lärmmessung verbindet, so dass die Leute selber die Lärmbelastung messen können. In einem anderen Projekt wird erfasst, wo Barrieren sind. Es gibt mit der Wheelmap ein tolles Projekt, das von Raul Krauthausen initiiert wurde, der selbst auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Jede und jeder kann per Smartphone angeben, wo Barrieren sind. Die Informationen stehen dann allen auf einer Karte im Internet zur Verfügung.

Würden die Leute das denn nutzen?

Köckler: Ja, gerade bei den Jüngeren haben wir gute Erfahrungen gemacht, weil viele das Smartphone nutzen. Für Ältere, das ist eben die spannende Frage, muss man zielgruppenspezifische Antworten finden.

Welche könnten das sein?

Köckler: Digitale Medien sind gut geeignet, eine sehr einfache und bildhafte Sprache zu sprechen. Apps können mit Fotos, Piktogrammen oder Symbolen arbeiten. Das ist eine relativ barrierearme Art der Erfassung.

Wie sehen Ihre nächsten Ziele aus?

Köckler: Derzeit richten wir unser DiPS-Lab ein. DiPS steht für digitale Methoden der partizipativen Sozialraumanalyse. Im DiPS-Lab, entwickeln wir Anwendungen, um Informationen über die individuelle Raumwahrnehmung von Anwohner*innen zu gewinnen. Das Labor steht einerseits für Lehrveranstaltungen zur Verfügung, andererseits wird die Technik in Forschungsvorhaben genutzt. Zur Ausstattung des Raumes gehören ein digitaler Map Table, GPS Tracker, mit denen Menschen und ihre Bewegungen geortet werden können, Tablets, ein Smartboard, ein Plotter und  außerdem verschiedene GIS-Softwarelösungen (Anmerk. d. Redaktion: GIS steht für Geografische Informationssysteme). Durch die Verschneidung von subjektiven und objektiven Daten, können vielfältige gesundheitsbezogene Themenfelder integriert analysiert werden. Dies bietet eine neue Informationsgrundlage für die Entwicklung von Konzepten zu Prävention und Gesundheitsförderung.

„Als nächstes würden wir uns dem Thema Lärm nähern.“
Prof. Dr. Heike Köckler

Und danach …

Köckler: … würden wir uns dem Thema Lärm nähern, da wir dazu gute, objektive Daten haben. Es gibt in den Kommunen die Lärmaktionsplanung, so dass die Kommunen schon ein Instrument an der Hand haben, mit dem sie Gesundheitsförderung machen. Dazu sollen Bürger*innen befragt werden. Wir möchten ein Tool entwickeln mit dem wir die Leute erreichen, die sich bislang nicht in die Lärmaktionsplanung einbringen, weil sie wenig Erfahrung haben sich in Stadtentwicklung einzubringen oder gar nichts von dieser Möglichkeit wissen. Wenn uns dies gelingt, können wir Ergebnisse danach an kommunale Vertreter weiterleiten.

Innerhalb der Kommunen?

Köckler: Ja, die erlebe ich da sehr offen. Und durch die Digitalisierung muss man heute nicht mehr in einer Versammlung im Rathaus einen Papierplan an die Wand hängen, sondern man könnte die Leute morgens in der U-Bahn bitten, drei Fragen an den Tag zu beantworten – und wüsste, was sie wirklich interessiert.


 

Mehr Informationen über Prof. Dr. Heike Köckler finden Sie auf der Webseite der hsg Bochum.

Das Interview führte Tanja Breukelchen, freie Journalistin.
Aufmacher: hsg/Volker Wiciok

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