hsg-magazin

DAS ONLINE-MAGAZIN DER HOCHSCHULE FÜR GESUNDHEIT IN BOCHUM

Drei Jahre Gleichstellungsstipendien

An der Hochschule für Gesundheit (hsg Bochum) studieren zum überwiegenden Anteil Frauen und auch die Gesundheitsfachberufe sind überwiegend sogenannte Frauenberufe – also Berufe, die aus historischen und soziologischen Gründen überwiegend von Frauen ergriffen werden. Warum es trotzdem oder gerade deswegen Ansatzpunkte zur Frauenförderung an der hsg Bochum gibt, erzählt die hsg-Professorin Dr. Nina Gawehn im hsg-magazin. Sie war von 2016 bis 2018 zentrale Gleichstellungsbeauftragte und anschließend stellvertretende zentrale Gleichstellungsbeauftragte der hsg Bochum. Auf eigenen Wunsch endete ihre Amtszeit am 31. August 2020. Sie blickt auf das Gleichstellungsstipendium der hsg Bochum zurück, das sie in dieser Amtszeit gemeinsam mit Annette Pietsch, die zu der Zeit zentrale Gleichstellungsbeauftragte war und heute das Amt als Stellvertreterin ausübt, auf den Weg gebracht hat und das nun dreijähriges Jubiläum feiert.

Welche Herausforderungen gibt es für die Gleichstellung an der hsg Bochum?

Prof. Dr. Nina Gawehn: Man könnte auf den ersten Blick denken, dass es an unserer Hochschule für die Gleichstellungsarbeit nicht viel zu tun gäbe, aber ein genauerer Blick auf die Führungsebenen lohnt und zeigt, dass das nicht so ist. Betrachtet man dort den Anteil von Frauen erscheint dieser in absoluten Zahlen vor allem im Vergleich mit vielen anderen Universitäten, Hochschulen und Studienfächern zwar sehr solide. In Relation zu der hohen Anzahl weiblicher Studierender, aus der sich die Führungsebene ja zukünftig auch weiter generieren wird, ist der Frauenanteil aber verhältnismäßig niedrig. Dass der Frauenanteil zur akademischen Spitze hin deutlich abnimmt, ist für den Hochschulbereich gut belegt. Das Geschlechterverhältnis kehrt sich vor allem in der Phase zwischen dem Abschluss der Promotion und einer Professur an einer Universität oder Hochschule zunehmend um. Professuren werden dann über alle Fächer gemittelt zu circa zwei Dritteln von männlichen Wissenschaftlern besetzt.

Auch an unserer Hochschule sehen wir diesen Effekt, den man ‚leaky pipeline‘, also in etwa ‚undichte Leitung‘ nennt. Unsere wissenschaftlichen Mitarbeitenden und Lehrkräfte für besondere Aufgaben sind zu circa 90 Prozent weiblich, die Mitarbeitenden in der Verwaltung zu knapp 70 Prozent, die Studierenden in einigen Studiengängen ebenfalls zu über 90 Prozent. Wenn wir uns dann einige Führungsebenen ansehen, sind Frauen hier teilweise unterrepräsentiert. Ich finde das für Berufe, für die viel mehr Frauen als Männer ausgebildet sind, erstaunlich.

Wie greift das Gleichstellungsstipendium das auf?

Gawehn: Es scheint so, dass Frauen ihre Kompetenzen tendenziell unterschätzen oder sich auf entsprechende Schlüsselpositionen gar nicht erst bewerben. Ein weiterer Grund dafür, dass Frauen dann auf dem Weg nach oben häufiger als Männer ‚verloren gehen‘, könnte sein, dass sie in der Familienphase mitunter stärker in traditionelle Rollenmuster verfallen, als sie es vielleicht selbst für möglich hielten. Es ist ja auch eine riesige Herausforderung, Familiengründung und wissenschaftliche Karriere miteinander zu vereinbaren.

Genau an dem Punkt wollten wir mit unserem Stipendium und auch den anderen Maßnahmen zur Frauenförderung ansetzen. hsg-Studentinnen, die ihr Studium mit Schwangerschaft oder Erziehungsaufgaben vereinbaren, werden von uns ideell und finanziell gefördert. Die Stipendiatinnen erhalten mit 300 Euro monatlich ein kleines finanzielles Polster. Sie dürfen natürlich selbst entscheiden, wofür sie das Geld nutzen: Kinderbetreuung, Fachliteratur oder um einen Nebenjob zu reduzieren. Das Geld soll es ihnen erleichtern, sich auf ihr Studium zu konzentrieren, dort ihre Lernmöglichkeiten maximal ausschöpfen zu können und ihre besten Leistungen zu zeigen. Für Promovendinnen in gleicher Lebenslage haben wir eine parallele Förderlinie. Gleichzeitig ist ein Stipendium ja auch immer eine ideelle Auszeichnung und wir wollen den Frauen damit spiegeln, dass ihre Leistung und ihr Karriereweg einer Auszeichnung und Förderung würdig sind. Wir wollen sie so in ihrem Selbstbewusstsein stärken, dass sie die Kompetenz und auch das Recht haben, Spitzenpositionen anzustreben.

Sich auf das Studium konzentrieren, Lernmöglichkeiten maximal ausschöpfen und die besten Leistungen zeigen.

Wie wird das Stipendienprogramm bislang angenommen – gibt es viele Bewerberinnen?

Gawehn: Wir haben in jedem Jahr zwei bis vier Studienstipendien vergeben. In diesem Studienjahr fördern wir vier Studentinnen. Die Anzahl der Bewerber*innen schwankt dabei von Jahr zu Jahr von einem bis zu mehreren Dutzend Bewerbungen. Ich kann nur alle Studentinnen, die ihr Studium mit Schwangerschaft oder Mutterschaft vereinbaren, dazu einladen, sich unbedingt zu bewerben. Die Chance auf Förderung ist gegeben!

Und: wir gucken bei der Auswahl auch auf die individuellen Umstände, in denen die Studentinnen sich befinden. Im letzten Jahr erschien uns beispielsweise eine Situation so förderwürdig, dass wir die Anzahl der Stipendien aufgestockt haben. Ein Blick in die Richtlinie zur Vergabe lohnt sich.

Wie könnte – aus Ihrer Erfahrung – das Stipendium noch verbessert werden?

Gawehn: Wir haben nun drei Jahre lang Erfahrungen mit den Bewerberinnen sammeln können. Zurzeit ist für die Auswahl zur Förderung die aktuelle Durchschnittsnote primär entscheidend und nur bei gleicher Leistung von Bewerberinnen werden dann die sozialen Umstände zusätzlich berücksichtigt. Es könnte aktuell also geschehen, dass eine schwangere Studierende mit einer Durchschnittsnote von 1,1 gefördert wird, eine alleinerziehende Studierende ohne eigenes Arbeitszimmer, dafür aber mit drei Kindern, pflegebedürftigen Eltern und Fluchterfahrung, die ‚nur‘ eine 1,2 vorweisen kann, nicht. Das erscheint uns nicht gerecht.

Gemeinsam mit unserer hsg-Expertin für Stipendien, Kirsten Lieps, und der Gleichstellungskommission, überarbeiten wir daher aktuell die Richtlinie zur Vergabe der Stipendien. Leistungen und besondere Umstände könnten dann zukünftig jeweils zu 50 Prozent gewertet werden.  Wir haben außerdem gemerkt, dass uns noch Instrumente fehlen, um die Mitarbeiterinnen unserer Verwaltung zu fördern. Aktuell sind ja alle Instrumente auf die Förderung des weiblichen wissenschaftlichen Nachwuchses ausgerichtet. Auch hier wollen wir nachbessern –  es gibt viele neue Ideen und sicher wird auch das neue Gleichstellungsteam um Renate Schramek neue Impulse einbringen, worüber ich mich sehr freue. Ich wünsche den Kolleginnen alles Gute für ihre Amtszeit!


Gleichstellungsstipendium

Stipendienart: Studien- und Promotionsstipendium der Gleichstellungsbeauftragten
Studiengang: Alle Studiengänge
Bewerbungszeitraum: 01.07.-31.10.2020

Weitere Informationen auf der Website der hsg Bochum.


Text: Das Interview führte Judith Merkelt-Jedamzik, Online-Redakteurin des hsg-magazins. Der Text erschien am 1. September 2020 im hsg-magazin.

Aufmacher: Zu sehen ist Prof. Dr. Nina Gawehn. Foto: hsg Bochum/Volker Wiciok

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