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Prof. Dr. habil. Heike Köckler.
Foto: HS Gesundheit

Urban Health digiSpace

14. Oktober 2021

Wie plant man eine Stadt seniorengerecht? Was bringt Menschen in Bewegung? Wie können auch Nicht-Wissenschaftler*innen erfolgreich forschen? Und was könnte helfen, um die Versorgung von Kindern und Jugendlichen aus vulnerablen Gruppen zu verbessern? Diese und viele weitere Fragen stehen im Mittelpunkt des Urban Health digiSpace.

Der Urban Health digiSpace öffnet die Forschung für alle gesellschaftlichen Gruppen, sodass Vertreter*innen aus Wissenschaft und Praxis, Studierende und Menschen vor Ort, die Möglichkeit bekommen, bei Vorträgen, Workshops und Exkursionen zum Thema StadtGesundheit (Urban Health) ins Gespräch zu kommen. Wie das genau aussehen soll, fragten wir Projektleiterin Prof. Dr. habil. Heike Köckler, Professorin für Sozialraum und Gesundheit im Department of Community Health (DoCH).

Inwiefern ist das Thema StadtGesundheit (Urban Health) heute wichtiger denn je?

Prof. Dr. habil. Heike Köckler: Urban Health ist ein absolut zentrales Thema, was insbesondere im letzten Jahr sehr deutlich wurde. Urban Health ist ein transdisziplinärer Forschungsbereich. Das bedeutet, dass mehrere Fachbereiche aus Praxis und Wissenschaft zusammenkommen und Probleme gemeinsam verstehen und Lösungsmöglichkeiten entwickeln. Der große Vorteil besteht darin, dass, statt der einzelnen Expertise aus nur einem Wissenschaftsbereich, hier zum Beispiel Gesundheitswissenschaftler*innen, Stadtplaner*innen, Architekt*innen und auch Sportwissenschaftler*innen zusammenarbeiten. Betrachten wir nun beispielsweise die Extremwetterereignisse der letzten Monate, oder sehen wir uns die Corona-Pandemie an und schauen wir dann auf die soziale Ungleichheit unter den Betroffenen, dann wird deutlich, dass es eine gemeinsame Anstrengung braucht, um die Probleme unserer Zeit zu lösen. Die Gesundheit der Menschen wird durch zahlreiche Faktoren wie Umweltbelastungen, die soziale Position, finanzielle Ressourcen und das Umfeld stark beeinflusst. Deshalb war es für mich wichtig, das Thema Urban Health auf den Weg zu bringen und möglichst viele Partner*innen für das Projekt zu gewinnen.

Wie kam es zur Idee des Urban Health digiSpace?

Köckler: Die Umsetzung des Urban Health digiSpace geschah nicht nur aufgrund der Corona-Situation digital, denn die Plattform https://urbanhealth-digispace.de ist auch auf lange Sicht und mit Blick auf die internationale Komponente ideal, um einen Austausch zwischen all den Menschen zu schaffen, die sich für das Thema interessieren – sei es als Wissenschaftler*innen, Vertreter*innen von Städten, Gemeinden oder Institutionen, engagierte Bürger*innen oder Betroffene. Über den Urban Health digiSpace können wir Veranstaltungen und Diskussionen stattfinden lassen, aber auch Wissen generieren. Wir haben bewusst eine niedrigschwellige Infrastruktur gewählt, auf der wir uns darstellen und austauschen können.

Wie genau sieht der digiSpace aus?

Köckler: Einfach gesagt ist es eine Online-Plattform, auf der Wissen in Form von digitalen Lernmedien präsentiert und Raum für den Austausch geschaffen wird. Das gesamte Veranstaltungsangebot wird am 15. November 2021 mit einer großen gemeinsamen digitalen Auftaktveranstaltung eröffnet und gleichzeitig werden die frei verfügbaren Lernmedien wie etwa Videos, Podcasts, Texte und Bilder online gestellt. Diese sind für alle frei verfügbar und jederzeit nutzbar. Bei der ersten Live-Veranstaltung am 15. November wird es einen ersten Fachvortrag zu StadtGesundheit, eine Podiumsdiskussion mit Expert*innen aus dem Ruhrgebiet und die Vorstellung der elf Angebote, die während der aktiven Phase des Urban Health digiSpace stattfinden werden, geben. In den darauffolgenden vier Wochen können alle, die sich angemeldet haben, an Exkursionen und Diskussionen live teilnehmen. Insgesamt ist es ein niedrigschwelliges und kostenloses Angebot zu sehr unterschiedlichen Themen, das sich an die Studierenden, Wissenschaftler*innen, Praktiker*innen und an alle interessierten Bürger*innen richtet. Am 12. Dezember endet die aktive Phase dann mit einer großen gemeinsamen Online-Konferenz.

Und dann …?

Köckler: … soll der Urban Health digiSpace als digitaler Raum auch dauerhaft zur Verfügung stehen. Alle Lehr- und Lernmaterialien bleiben kostenfrei für alle dauerhaft online, sodass sie jede*r nutzen kann. Die Idee ist also, eine aktive Phase zu haben, mit Modulen, an denen alle Interessierten aus allen Bereichen teilnehmen können und die Ergebnisse werden dann zusätzlich, und ebenfalls dauerhaft, online sein. Der Urban Health digiSpace soll einen Rahmen bieten, damit, unabhängig von Drittmittelförderung, ein dauerhafter Austausch auf einer inhaltlichen Ebene ermöglicht wird. Durch ihn wird eine Zusammenarbeit von Wissenschaft, Praxis und Zivilgesellschaft möglich.

Prof. Dr. Heike Köckler (HS Gesundheit) und Dr. Odile Mekel (LZG.NRW) zeichnen gemeinsam einen Beitrag zum Urban Health digiSpace auf.
Foto: Urban Health digiSpace/Tobias Müller
Prof. Dr. Heike Köckler (HS Gesundheit) und Dr. Odile Mekel (LZG.NRW) zeichnen gemeinsam einen Beitrag zum Urban Health digiSpace auf.

Können Sie ein Beispiel einer solchen Zusammenarbeit benennen?

Köckler: Im Urban Health digiSpace gibt es Einzelangebote von Einrichtungen, die in dieser Form bislang noch nie zusammengearbeitet haben. Eines davon ist das Modul „Umweltbezogene Ungerechtigkeiten in der Corona Pandemie? Eine datengestützte Analyse“, bei dem wir gemeinsam mit Vertreter*innen der Ruhr-Universität Bochum und mit dem Gesundheitsamt Bochum quantitative Analysen zu umweltbezogener Gerechtigkeit im Ruhrgebiet am Beispiel von Bochum durchführen. So haben wir Praxis und Wissen vereint. Das ist der Sinn des Transdisziplinären: dass man sich besser versteht und gemeinsam neues Wissen produziert, welches wir dann wieder in die Wissenschaft zurückbringen und die Praktiker*innen mit in ihren Planungsalltag nehmen.

Wie kommen dann die Bürger*innen ins Spiel, für die das Angebot ja bewusst niedrigschwellig gehalten ist?

Köckler: Sie bekommen durch das Angebot zwar keine fertigen Lösungen für ihre Probleme, aber ein besseres Wissen und das Gefühl, mit ihrem Thema nicht so alleine zu sein. Der Urban Health digiSpace soll ein Anlass zum Austausch zum Thema StadtGesundheit sein – transdisziplinär verstanden mit unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen plus Praxis plus Gesellschaft, weil wir nur so gutes neues Wissen generieren können. Welche Probleme gibt es, die man von außen gar nicht sieht? Wo finden Diskriminierung und Ungerechtigkeiten statt? Welche Ängste gibt es? All das sind Fragen, die wir nur gemeinsam mit den Menschen beantworten können, die es vor Ort betrifft.

Also forschen Sie nicht über, sondern mit der Community?

Köckler: Genau. Ein gutes Beispiel dafür ist das Stadtteillabor in der Hustadt, das Prof. Dr. Christiane Falge betreibt. Dort werden Bewohner*innen zu Stadtteilforscher*innen ausgebildet, mit denen wir dann arbeiten, sodass Hemmschwellen abgebaut werden. Außerdem wird im Urban Health digiSpace in einem Angebot die Photo-Voice-Methode angewendet, eine Methode, bei der man über Fotografie Räume einfach abbilden kann und dadurch auch ohne Worte etwas beschreibt. Gerade das ist etwas, um auch Menschen, die sich sonst nicht so gut artikulieren können, einzubinden.

Wie sieht das genau aus?

Köckler: Wenn zum Beispiel eine ältere Dame sagt, sie wohnt in der Hustadt und wäre gerne mehr unterwegs, was aber nicht klappt, da sie immer wieder auf Hürden stößt, bekäme sie eine Aufgabenstellung, Orte zu fotografieren, die sie positiv oder negativ bewertet. Das funktioniert auch, wenn sie nicht online-affin ist, denn wir begleiten sie dabei und die Ergebnisse werden später online gestellt. Sie könnte also zum Beispiel den Weg zum Einkaufen gehen und zeigen, was ihr dabei auffällt: Wo fehlt eine Sitzgelegenheit oder wo ist vielleicht eine Bank, aber diese ist in der prallen Sonne? Wo sind Treppen? Wo fehlt der Gehweg?

Welchen Effekt haben Grünflächen auf die Gesundheit der Stadtbevölkerung - eine von vielen Fragen des Urban Health digiSpace. Das Bild zeigt eine Grünfläche.
Foto: Urban Health digiSpace/Johanna Rolf
Welchen Effekt haben Grünflächen auf die Gesundheit der Stadtbevölkerung - eine von vielen Fragen des Urban Health digiSpace.

Dann käme zum Beispiel der StadtRaumMonitor ins Spiel, also ein partizipatives Analyse-Instrument zur Förderung einer gesundheitsfördernden Stadtentwicklung.

Köckler: Genau. Auch ihn wollen wir in einer Stadt im Ruhrgebiet, nämlich Witten, im Rahmen des Urban Health digiSpace mit den Menschen vor Ort real anwenden. Es gibt erst einmal vorbereitende Lernmaterialien, mit denen wir erklären, was der StadtRaumMonitor überhaupt ist, wie man ihn anwendet und was das mit dem übergeordneten Modell von Gesundheit in allen Politikfeldern zu tun hat. Es gibt dann Lernvideos, die man vorab gucken kann. Die stellen wir auf Deutsch und Englisch bereit, sodass es zuerst in der einen Stadt im Ruhrgebiet, künftig aber auch an unterschiedlichen Orten weltweit Anwendungen geben kann.

Der Urban Health digiSpace bietet Raum für alle Menschen, die sich dafür interessieren, unseren Lebensraum in den Städten gesünder zu machen. Ich freue mich auf spannende Diskussionen und bin davon überzeugt, dass in diesem neuen Format noch ganz viel Potential schlummert, das wir erst in den nächsten Wochen entdecken werden. Anmelden kann man sich übrigens noch bis zum 31. Oktober über unsere Website: www.urbanhealth-digispace.de

Wie kam es zur Idee des Urban Health digiSpace?

Köckler: Der Urban Health digiSpace ist ursprünglich aus einer gemeinsamen Initiative zu StadtGesundheit im Rahmen der Ruhrkonferenz entstanden, doch ist es trotz Auswahl und positiver Begutachtung nicht zur beabsichtigten Förderung gekommen. Das Projekt in seiner heutigen Form ist ein Kooperationsangebot der Hochschule für Gesundheit gemeinsam mit der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe, der Ruhr-Universität Bochum, der MedEcon Ruhr e.V., der Hochschule Bochum, der Universität Duisburg-Essen, dem Landeszentrum Gesundheit Nordrhein-Westfalen, dem ILS – Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung und der Technischen Universität Dortmund.

Der digitale Map Table führt objektive Daten zusammen.
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